Fuerteventura

Fuerteventura ist wirklich nicht mehr als ein Stück Wüste mitten im Atlantik. Um die Insel herum wird gesurft, gebadet und an den Stränden Geld für alkoholische Getränke ausgegeben. Mir war das alles von Anfang an zu blöd und der erste Task des gerade eben begonnenen Urlaubs lag darin, herauszufinden, was man denn außer Surfen, Saufen und Sex noch auf der Insel machen konnte.

Sieht man sich eine Landkarte von Fuerteventura an, so scheint diese Aufgabe natürlich völlig unmöglich, denn was kann man schon in einer Wüste, aus der ein paar Hügeln herausstehen, machen? Wo man nicht hinschaut werden Touristenstädte gebaut, wo man nicht hinkommt, schlapfen Touristen herum und regen sich über die Hitze auf, wo man nicht stehenbleibt, war schon ein Deutscher, ein Italiener oder eine Brite da. Gibt es denn keinen einzigen Ort, an dem noch kein Tourist oder zumindest wenige davon waren?

Informationen, Gefahren

Nun, ich hatte ein Büchlein über Fuerteventura gefunden, das Fuerteventura als blühendes Eiland beschrieb, mit saftig-grünen Wäldern, einer unglaublichen Ansammlung an sonst in diesen Breiten nicht auffindbaren Pflanzen, kurzum: die Insel muss einst ein wahres Paradies gewesen sein. Weiter konnte man in diesem Büchlein Informationen darüber finden, dass an der Westküste starke Strömungen schon viele Touristen für immer ins Meer befördert hätten, ebenso wie Schiffe, die dort auf Grund gelaufen waren. Ich las von einem wunderschönen Sandstrand im Norden der Insel, der für seinen weißen Sand bekannt war. Ich staunte über die Behauptung im Buch, dass es doch noch Strände gab, die aufgrund ihres unwegsamen Zugangs von Touristen nicht bevölkert wurden und Dörfer, die tatsächlich noch vom Tourismus unbescholten ihrem Alltag fröhnten. Ebenso erfuhr ich, dass auf Fuerteventura ein ganz besonders eigenartiges religiöses Leben herrschte, das auf einer Mischung aus fast schon fundamentalistischem Christentum mit Elementen aus schamanischen Religionen, Voodoo und der Verehrung von Seegöttern einherging. Zur See sind in Fuerteventura schon viele gestorben, besonders Schwimmer, die die Tücken bestimmter Strömungen nicht kennen, die es einem nicht ermöglich hinaus aufs Meer zu schwimmen, aber auch nicht, wieder an den Strand zu gelangen. Nun da war ich, auf dieser seltsamen Insel, die man als Normaleuropäer nur als Surfparadies kennt.

 

Ich hatte genügend Zeit, um mich all dem Gelesenen in natura zu widmen, lieh mir ein Auto und legte mit dem Besichtigen los. Gefahren sind Gefahren und wer nichts riskiert, wird auch nichts zu sehen bekommen.

Wasserwalzen

Der erste Ausflug führte mich an die Westküste von Fuerteventura und es war kein Fehler, den Ort herauszusuchen, der noch etwa einen Kilometer Fußmarsch von der Hauptstraße entfernt war. Der Tourismus in Fuerteventura polarisiert enorm: Es gibt die Sportler, die surfen sowieso, es gibt die Trinker, die sind sowieso bis kurz vorm Abflug nicht ansprechbar und es gibt diejenigen, die sich dann doch die Mühe machen und versuchen mehr zu sehen als nur das, was im Hofer-Reisen-Katalog drinsteht! Der Strand, an dem ich landete, war mindestens einen Kilometer lang, dunkler Sand, dunkelblaues Meer und ein Nachteil: kurz, bevor das Wasser sich im Sand verlief, wurde aus jeder noch so kleinen Welle eine zwar nur fünfzig Zentimeter hohe, jedoch ausreichend starke Wasserwalze, die mich mühelos und mit größter Wucht an den Meeresboden drückte. Hat man sich allerdings einmal an diesen Druck gewöhnt und bekam das Auge dafür, konnte man dieser Walze elegant entgehen.

Einsame Pfade und verlassene Buchten

Die Westküste hatte aber noch mehr zu bieten. Verließ man sich weniger auf die Karte und mehr auf das, was man tatsächlich sehen konnte, so eröffneten sich wunderschöne Landschaften, die allesamt nahezu vom Menschen unberührt schienen. Ich entdeckte einen Pfad entlang der Küste und folgte diesem etwa eine halbe Stunde lang und es zahlte sich aus, denn ich wurde belohnt mit einer Bucht, die lediglich mit ein paar (einheimischen) Fischerbooten belegt war, sonst aber unberührt.

Die Bucht bestand aus einem regelrechten Gewirr an Höhlen und Höhlensystemen, die teils unter dem Meeresspiegel lagen, was sie zu tödlichen Fallen für diejenigen machte, die aus Interesse am Gesehenen Ebbe und Flut vergaßen.

Totenverehrung

Dass hier auch viele umgekommen sein dürften, darauf ließ auch die Ansammlung von Kultstätten am Pfad entlang schließen. Ob es Schreine waren oder nicht, weiß ich nicht, aber die fast schon pervertiert Art, wie sie hergerichtet waren, ließ mich abermals an die Informationen aus dem Fuerteventura-Büchlein denken.

Da waren Teile von oder ganze Puppen ausgestellt, teilweise fanden sich Knochen von Tieren wieder, tote Vögel, die zur Hälfte in ausgebrannten Kerzenständern aus Plastik steckten – diese Art der Totenehrung war anders und ich ließ es dabei bleiben, ein Foto zu machen und weiterzugehen.

American Star

Ähnlich gruselig war der Zugang zu einem der am besten erhaltenen Schiffswracks der Welt: der American Star.

Auf Informationsmaterialien des Hotels kaum zu finden, gab es das Wissen um das Wrack dennoch – und zwar weiter verbreitet als ich es angenommen hätte! Fast alle im Hotel wussten davon, niemand allerdings war je dort gewesen. Man warnte diejenigen, die dahin wollten, dass es gefährlich sei (überhaupt scheint es mir eine Angewohnheit aller Südländer zu sein, alles immer als gefährlich einzustufen), wobei ich in der Warnung eher mehr die Angst vor dem Verlust sah, die das Fernbleiben eines Gastes im hiesigen Restaurant verursachte. Aber am Ende kam ich dann doch zu einer Karte, die vernünftig genug war, um mir den Weg zum Wrack zu zeigen. Das Problem, mit dem ich konfrontiert war, war die örtliche Nähe des Wracks zu einem militärischen Übungsgelände. Die direkte Straße führte durch das Sperrgebiet, die Umfahrung verlängerte den Weg um etwa sieben bis zehn Kilometer. Blanca, meine Begleitung und treue Weggefährtin sollte noch darunter leiden, dass ich mich für die Umfahrung entschieden hatte.

Anfahrt

Vom Hotel weg fuhren wir mit dem Auto die (betonierte) Straße entlang bis kurz vor „Pájara“, dort bogen wir ab auf einen Feldweg, der so dermaßen schlecht war, dass meine Sorge, die Reparatur des Autos zahlen zu müssen größer war als die Lust, der Bequemlichkeit zu huldigen. Zu Fuß ging es dann weiter. (Ich habe eine Google-Karte unseres Fußmarsches erstellt, damit der Wahnsinn auch ordentlich visualisiert wird!) Und obwohl wir am Abend von der Rezeptionistin kopfschüttelnd gefragt wurden, warum wir denn nicht mit dem Auto gefahren seien, so war es doch ein Erlebnis der besondern Art, die Langsamkeit und den buchstäblichen Zugang zum Schiff gleichzeitig zu erleben.

Das Dorf

Geht man zu Fuß, so kann man einen Graben vor der eigentlichen Abbiegung der Straße zum Strand hinuntergehen. Und hier eröffnete sich mir eine Welt, die mir bis dato nur aus Filmen bekannt war: da stand, mitten in der Wüste, ein Zeltdorf. Und es stand da bestimmt schon länger, denn es waren bereits Sanitärräume eingerichtet worden (zwei Zelte mit einer dazwischen befestigten Duschvorrichtung), die Menschen hier hatten offenbar das Zeltdorf als Postadresse angegeben, denn man konnte einen Briefkasten sehen und jemanden, der gerade Post austrug, kurzum: hier fanden sich Aussteiger und solche wieder, die von der Welt da draußen ihre Ruhe haben wollten. Wir marschierten quasi die Hauptstraße entlang und der Anblick war fantastisch, denn hier die zerbrechlichen Zelte, die Jeeps, die mühevoll herangekarrten Wohnwagen und im Hintergrund erhob sich majestätisch und doch zerbrochen, das Schiffswrack der American Star!

Das Landesinnere

Das Landesinnere von Fuerteventura besteht aus einer Ansammlung von Kuhkaffs und größeren Dörfern, wobei die Kaffs wesentlich mehr Charme hatten und in mir wesentlich mehr Interesse weckten als die größeren Dörfer. Letztere waren nämlich Kaffs mit einem Shopping-Center daneben und da hört’s bei mir auf. In den Kleinstdörfern, hingegen, konnte man tatsächlich noch „Ureinwohner“ sehen, die ebenso erstaunt auf uns blickten und wenn sie uns ansprachen, erklären wollten, wie wir wieder zur Hauptstraße kommen.

Der Friedhof (samt Kirche und nicht umgekehrt) scheint in Fuerteventura dem zu entsprechen, was bei uns in deutschsprachigen Landen der Hauptplatz ist. Hier sitzen die alten Männer und Frauen, rauchen, tratschen und sehen den Katzen beim Schlafen zu, hier ist der Mittelpunkt der Welt. Daher sind diese Friedhöfe, vor allem ihre Zentren, meist äußerst hübsch gehalten, gepflegt, mit Blumen geschmückt und daher stark duftend. Ich kann jedem nur empfehlen sich in irgendeines dieser Dörfer zu begeben und am Hauptplatz des Friedhofs eine oder zwei Stunden einfach nur dazusitzen und der Stille zuzuhören!

Umso krasser wird dann der Gegensatz wahrgenommen, wenn man im von saufenden, rauchenden und – per Animationsprogramm dazu angestiftet – singenden Menschen angefüllten Clubhotel wieder ankommt.

Wo niemand klickt