Sonntagsarabesken #11

Schatten rüsten sich zur Schlacht, und die Erde donnert unter ihrem luftleichten Marschtritt. Ein Tag und eine Nacht reichen oft aus, den Lauf der Welt zu ändern; und wenn schon die Planeten nicht aus ihren Bahnen geworfen werden können, so bewegt sich zwischen zwei Sonnenaufgängen doch immerhin das Leben der staunend Getroffenen, die ihr Glück oder Unglück zu fassen gar nicht in der Lage sind. Wie der volle Klang einer in tausend Kolloraturen gefältelten Stimme bricht der Tumult über sie herein, und schließlich rollt alles in einer einzigen lang gezogenen unaufregenden Kadenz aus. Oder so ähnlich. Was soll noch geschrieben werden über endlose Gespräche in rauchigen Kaffeehäusern oder samtschwarze Küsse in dunklen Sälen oder rubinroten Chianti aus Plastikbechern? Katzenaugen, mit Quecksilber überstrichen, die Lider schwer vor Müdigkeit, und eine aschblonde Haarsträhne, die aus der locker gewordenen Biedermeierfrisur gerutscht ist; ein Gestirn im Trubel bewegter Zeit, jedes Jahr glänzt es aufs Neue am winterlichen Horizont, und diesmal mischen sich die Bilder in überspannten Gehirnen, bis in einem herrlichen Moment des Abschieds das Mysterium völliger Ruhe erreicht scheint. Falsch gedacht? Stattdessen verzweifelte Leidenschaft in der golden durchwebten Düsternis eines riesigen Raumes, plötzliches Taumeln der Körper (die ohnehin von schwankenden Geistern geleitet werden), aufeinander zu, brutale Umarmung, aber doch zärtlich, mit den nötigen leise gesprochenen Worten der Beruhigung und den monotonen trockenen Küssen in braunes Haargewirr, Lippen und Zähne und Zungen, die sich in ungelenkem Beißen ineinander verhaken. Wiederum: Zwei Stimmen, verflochten im weit geschwungenen melodischen Bogen, unterschiedliche Harmonien kurzfristig vereint durch pure Notwendigkeit des Augenblicks. Das ist natürliche Schönheit, die genauso bestürzend wie befriedigend wirkt.

Questo istante, mia speranza? De? miei dì, de? tuoi decide? Ma se è ver che alla costanza? Se a virtude il ciel sorride? Mille giorni di contento? Tal momento apporterà?

Und schließlich, am Beginn des neuen Tages, bleibt doch nur das helle Bild einer denkbar willkürlichen Erinnerung, die Armee der Schatten ist weitergezogen, bis zum Ort des Kampfes. Ungewiß der Ausgang des Gemetzels. Unbekannt die Namen der Streitenden. Nur eines weiß man mit einiger Sicherheit zu sagen: Die Zukunft hängt an einem seidenen Faden.

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