Sonntagsarabesken #16

Kaskaden blauen Zigarettenrauches wirbeln zwischen den geflochtenen Blättern des Ventilators. Und die Welt ist in ihrer Mitte gefangen, solange die Musik nicht aussetzt. Gedämpftes Licht, ein Zimmer, dessen Fenster auf den Hinterhof hinausgeht, und zwischen einem abgewetzten Diwan und dem Beistelltisch umschlingen sich zwei Körper in bewegter Trauer. Oder ist es Lust? Wer mag das schon so genau zu sagen, noch dazu, wenn Tränen sickern und Münder im peitschenden Takt zerfließen? Immer wieder aufs Neue drehen sich porzellanweiße Füßchen; Samt und schwarze Lederschuhe. Jetzt mit dem Rücken zum Perlenvorhang, den der Luftzug vor dem Eingang in ständiger Bewegung hält, ein Mann, vorgebeugte Schultern, die einstige Stärke italienischer Lebenslust geschwunden, resigniert, und doch in einer letzten Anstrengung gefangen; halb hinter der rechten seiner Schultern zu erkennen das blasse Gesicht einer Frau, überzogen von einem glitzernden Spinnennetz aus Schweißperlen. Eine schleifende Drehung ihrer Körper. Sie trägt ein dunkelblaues Kleid, und ihr nußbraunes Haar fällt bis auf die schmalen Hüften herab. Das Kleid liegt eng an, jeder Muskel zeichnet sich zuckend ab. Ihre Füße, nackt, streicheln zärtlich den Boden. Die Pausen werden länger. Mann und Frau nähern sich langsam kreisend der Kante des Diwans; sie wollen sich hinab sinken lassen, sich gehen lassen, der Notwendigkeit folgend, die sie zwischen ihren wild pochenden Gedanken und dem bellenden Kommando der Musik fühlen. Der Augenblick geht vorbei. Schweiß mischt sich mit Tränensalz. Die Zigarettenglut am Rand des Aschenbechers verlöscht lautlos. Porzellanfüßchen, Lederschuhe, müde Schultern, fiebrige Zärtlichkeit. Vom Rauch bleibt bloß der schlechte Geruch, der unter die Fingerspitzen des Mannes kriecht, während sie die Träger des blauen Kleides von schweißfeuchten Schultern lösen. Die Nadel des Plattenspielers ist ins Leere geglitten. Unheimliches Knistern hüllt die sich Liebenden ein. Die Frau blickt über seine bleichen, sehnigen Schultern hinweg, durch das halb verhüllte Fenster, über den Abgrund des Hinterhofes hinaus, zu der Dachkante hinüber. Hinter dem Samtblau der Nacht glüht bereits ein dünner Faden des noch ungeborenen Tages. Blutrotes Gerinnsel. Sie spürt sein Gewicht über sich und atmet leise. Es sieht nach Regen aus.

Wo niemand klickt