Sonntagsarabesken #18

Schnee legt sich über die Stadt; narbenübersäter Asphalt, festlich gekleidet (zur Hochzeit, sozusagen). Dampfender Atem, in Wölkchen ausgestoßen, eilt den hastenden Fußgängern voraus. Er blickt aus dem Fenster, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und folgt den dunkel gekleideten Menschen mit den Augen. So könnte man beginnen. Oder auch: Die drückende Schwüle erreicht ihren Höhepunkt. Das Postschiff stampft gegen die Strömung an, und die Muezzine rufen zum Gebet. An Kälte und Eis ist nicht zu denken unter den Palmen der Hafenpromenade, wo sich zwei Hunde in der Mittagssonne balgen; sonst ist die Straße menschenleer. Noch immer steht er am Fenster, eine halb gerauchte Zigarette zwischen den Fingern, und weder das, was er sieht, noch das, woran er denkt können ihn beeindrucken. Stille, bis auf das Knistern des Computermonitors. In Rückschau verschwimmen die Konturen; die Bilder runden sich, verlieren ihre Kanten und häßlichen Unebenheiten. Und obwohl alles unscharf wird, tritt es doch mit scheinbar größerer Deutlichkeit und Klarheit in sein Bewußtsein. Vielleicht, weil der Schmerz betäubt wurde (und aufgehört hat, fraglich ist nur: Wegen der Betäubung oder seines vollständigen Verschwindens, er kann diese Frage nicht beantworten, und das macht ihn ein wenig unsicher, nervös und gereizt, jetzt, aber nur jetzt, vielleicht würde der Eissturm ja alles davon blasen, sodass am folgenden Tag nur noch die stecknadelgroßen Trauerwölkchen auf dem stahlgrauen Himmel blieben, ja, vielleicht; vielleicht würden auch das Palmenrauschen und die brütende Hitze sein Denken besetzen, und er wäre frei, solange nur in Goa die Fahne des Dom Sebastian und in Singapor der Goldene Drache flatterte.). Distanzen sind spürbar, auch in Gedanken, jede Art von Entfernung kann wahrgenommen werden, doch diese eine, so scheint ihm, ganz besonders; es ist die Distanz zu einem Mädchen – wie die Distanz zu seinen ostindischen Tagträumen –, eine Distanz der kuriosesten Art. Er kaut auf dem Wörtchen „kurios“ herum und blickt in das Flackern des Schneetreibens. Zwischen rotem hoch gewirbelten Sand und dem deutlich unterschrittenen Gefrierpunkt, der jede Illusion subtropischer Gefilde grausam konterkariert, denkt er an die Vertrautheit, die Vertraulichkeiten, die scheinbare Lockerheit und die punktuell immer wieder durchbrechenden Vorwürfe, Missmutigkeiten und unbeantwortbaren Fragen. Gleichzeitig die Sorge, ob das Postschiff den sicheren Hafen auch erreichen würde, ob die Muezzine auch alle Gläubigen zum Gebet gerufen hätten, ob die Hunde ihren Kampf beenden würden. Und ebenso gleichzeitig der Blick hinaus, orientierungslos und gleichgültig, denn da draußen ist alles weiß und von einer Kälte, die er nicht wahrnimmt. Alle Antworten wurden schon gegeben. Alles wurde ausgesprochen. Das ist der Grund für seine unaufgeregte Pose, hinter der Fensterscheibe, gegen die Welt gewandt, aber auch erschreckend gleichgültig gegenüber seiner Phantasie. Die Glut der Zigarette strahlt heiß gegen seine Finger. Die Wärme des Zimmers umgibt ihn, und auch die knisternde Leere. Eine dieser Stunden, die scheinbar unbeschwert, unterschwellig gräßlich und hintergründig scheißegal sind. Einer dieser Augenblicke, an die er sich nie wieder erinnern wird, weil man sich sowieso nur an die Dinge erinnert, die irgendwie außergwöhnlich waren oder lange genug gedauert haben, dass sie sich unter die Haut brennen. Die Zeit gerinnt. Alles wird dickflüssig, zäh, und es scheint kein Ende zu nehmen. Und wenn das Glück dann wieder da ist, so bleibt es beinahe unbemerkt unter diesem Gallertüberzug, der jeden noch so lauten Ton absorbiert. Hinter Glas, in Spiritus, das Leben eines biologischen Krötenpräparats.

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