Sonntagsarabesken #31

Regen in Rom; dunkler, umschatteter Gewitterhimmel. Blütendolden neben der Stiege von Aracoeli verströmen einen unwirklich betörenden Duft, Wassertropfen neben schillerndem Violett, so violett wie die Augen, in deren Glanz sich mein Gesicht spiegelt. Sie hält den Kopf ein wenig schräg und sieht mich von unten her an. In sanfter Schwingung umfängt das schwarze Haar die blasse Stirn. Eine Strähne ist über ihre linke Schläfe gefallen. Sie redet leise und gurrend auf mich ein, während draußen die Bäche vom Kapitol herab rauschen. Das Café ist überfüllt und laut, aber es dreht sich ohnehin alles nur um ihre Stimme, ihre weißen Wangen, ihre Lippen. Nur kurz denke ich an die unerledigten Dinge, die hinter mir in einem trüben Nebelschleier verschwunden sind. Ich sehe vor allem Gesichter; ihre Konturen sind verschwommen, wie die Bögen einer Melodie, die wir vor langer Zeit einmal gehört und seitdem nicht mehr vergessen haben, sich allmählich zu einem Teil des gesamten Gedächtnisses wandeln und dabei ihre schmerzende Schärfe verlieren. Diese Gesichter der vergangenen Tage und Jahre tauchen jetzt aus dem sprühenden Wasser auf, das von der hohen Fensterscheibe strömt. Wie in einem riesigen, von graublauem Licht erfüllten Aquarium sitzen wir beide hier, unter den Blicken der gespenstischen Meerjungfrauen (die freilich nur ich zu sehen vermag), und berühren einander mit Blicken. Sie wirkt wie ein Frühlingswesen, das sich aus Angst vor dem Wasser mit mir, dem überraschten Sterblichen, zusammen aus den zuvor noch sonnenüberflüteten Marmorebenen in diese schützende Grotte geflüchtet hat. Ihre Haut rötet sich nur langsam. Das Blut gewinnt an Macht gegen die Kälte, die ihr natürlicher Feind zu sein scheint. Die Harmonie ihrer Worte, die unaufhörlich fließen wie der Regen, an meine Ohren fluten wie eine schaumig ausdünnende Brandungslinie, verzaubert mich. Vielleicht bestimmt sie schon über mein Leben. Vielleicht streift sie es auch bloß. Wer weiß. Ich habe mich vor Tagen in diese Augen verliebt und tue es noch immer, stündlich wieder. Leise ruft das Gefühl aus den Zwischenwelten. So wie die Tropfen, die das Violett der Blütenblätter dunkel tränken, wird es sich vielleicht in den ersten Sonnenstrahlen verlieren, geistiger Wasserdampf. Oder bleiben. Eingehen in den mächtigen Kreislauf begonnener und nicht abzuschließender Verwirrungen. Die Wellen haben uns eingeschlossen. Und das Lächeln einer schönen, grauäugigen Sibylle grüßt mich aus dem untergegangenen Wien des Winters.

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