Sonntagsarabesken #40

Er sitzt im Il Tempo und genießt ihr Gesicht. Die großen, wasserblauen Augen haben die Unschuld von vor sieben Jahren bewahrt; doch rundherum? Kurze schwarze Haare, am Ansatz kastanienbraun aufgehellt, eine Nuance, die man kaum erkennen würde, doch er bemerkt es, natürlich; diese Haare hat er damals auswendig gekannt. Oder es sich zumindest eingebildet. Sie sieht aus wie Uma Thurman in „Pulp Fiction“, kurz bevor sie mit der Rasierklinge die Überdosis Heroin auf dem Glastisch portioniert. Ein unwirkliches Gefühl, dieses Wiedersehen, ein Wieder-Erkennen, eigentlich. Hinter ihren teigig aufgequollenen Wangen lauert eine häßliche Wahrheit. Und trotzdem ist sie schön; eine Frau ist sie geworden. Sie raucht. Sie raucht zuviel. Er hebt das Weinglas an die Lippen. Auf der Gasse, vor den geöffneten Glaswänden, breitet sich wie eine glitschige, amorphe Masse die Schwüle der Sommernacht aus und tastet nach seinen Schultern. Mit hektischen Bewegungen ihrer bleichen Finger nestelt sie noch eine Zigarette aus der Packung. Das Feuerzeug flackert. Zum fünften Mal innerhalb von zwei Minuten begegnen sich ihre Augen und bleiben aneinander kleben. Ihre Unruhe ist nicht zu übersehen. Seine amüsierte Gier auch nicht. Alte Gefühle wirbeln an die Oberfläche. Was hat das alles mit den silbern bekrönten Wellen der Moldau zu tun, mit den schwarzblauen Gewitterwolken, die sich über dem Hradschin türmen, mit dem nassen Sturmwind, der goldenes Haar zerzaust? Eine Menge. Und doch gleichzeitig: nichts. Das war lange vor der Jetztzeit. Die Jetztzeit dauert nun schon fünf Jahre. Trotzdem: Es gibt Wochen, Tage, Bauchschmerzen, die vor dem Jetzt datieren. Kondensiert in der sommerlichen Tropenhitze überzieht ein Gewebe solcher Zeiten und Bilder jetzt Schläfen, Wangen, Lippen seines unwirklich anwesend-vergangenen Gegenübers. Uma Thurman setzt ihr Silberröhrchen an und saugt das magische Pulver energisch in die Nase. Ein knackendes Geräusch. Blut schießt aus den Nasenlöchern; Schaum tritt vor ihren Mund. Schon zehnmal gesehen, die Szene. Für gewöhnlich kann er in diesem Moment nach der Fernbedienung greifen und den Sender wechseln. Jetzt hält er nur ein Glas Chardonnay in der Hand. Verdammt. Rauchst du eigentlich viel? fragt er, um die Stille zu füllen. Gelegentlich, sagt sie.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site! Wo niemand klickt