Sonntagsarabesken #45

An trüben Tagen wirkt selbst das Durchschnittliche noch schön. Die junge Frau starrt reglos in die Ferne. Die Umrisse der sanften Hügel mit ihren gelben Stoppelbärten beginnen sich im Dunst aufzulösen. In der toten, feuchten Wärme des Vormittags verstummen die Singvögel. Der Mann betrachtet ihr Gesicht, die sanft geschwungene Linie ihrer blassen Wange. Schwüles Verharren. Die Luft riecht nach Formaldehyd.

Worüber denkst du nach? fragt sie. Über uns? Sie und er. Eine verfahrene Geschichte. Ein kleiner Scherz des Teufels.

Ja, über uns. Seine Kehle ist trocken, sein Gaumen fühlt sich spröde an. Seine Zunge klebt fest. Ich habe an den letzten Winter gedacht.

Mach dich nicht verrückt!

Ich denke schon den ganzen Tag daran.

Ich sag’ ja: Mach dich nicht verrückt! Um Himmels willen, das ist alles vorbei! Schon lange. Wann wirst du das denn endlich kapieren?

Was hast du im Kaffeehaus gedacht, während das Klavier gespielt hat? Was hast du gedacht?

Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Das glaube ich dir nicht. Mir zerschneidet es fast den Magen. Es war kurz vor zwölf. Und der Pianist hat einen Walzer gespielt.

Ich hab doch gesagt: Ich kann mich nicht mehr erinnern!

Minutenlang, diesen einen Walzer, es war eine schöne Melodie, und du hast müde ausgesehen, so müde, und doch so schön. Dazu der Walzer, ein Motiv, immer von vorne, ein ständiges Kreisen diese Melodie…

Nein. Ich erinnere mich nicht mehr.

Das heißt, du hast dich einmal daran erinnert. Wie lange? Wie lange hast du dich daran erinnert?

Ich weiß es nicht. Eine Woche vielleicht.

Eine ganze Woche? Eine ganze Woche lang hast du dich an diese Nacht erinnert! Ich war dir also nicht gleichgültig damals! Und der Walzer, hast du dich auch an die Melodie erinnert? Hast du sie gehört, immer und immer wieder, tief drinnen in deinem Kopf, wie sie sich Spiralen durch dein Gehirn gefressen hat? Hast du ihr beim Fressen zugehört?

Nein. Davon weiß ich nichts mehr.

Ich aber schon. Viel zu viel. Ich träume von der Melodie, so grauenvoll, so süß! Ich sehe deine Augen, halb geschlossen, gerötet vom Zigarettenqualm, vor denen der Dampf des heißen Kaffees aufsteigt, und dazu der Anschlag des Klaviers, Liebesgedanken und Liebesklänge, der Walzer, Strauß…

Nein!

Heftig stampft sie mit dem Fuß auf, wendet ruckartig den Kopf und durchbohrt ihn mit unfaßbar zornigen blaßblauen Augen. Das waren die „Schlittschuhläufer“ von Waldteufel, du Idiot…

Sie verstummt erschrocken. Stille. Er lächelt.

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