Sonntagsarabesken #48

Die Stimme. Er hört sie ganz nah, diese herrlich süffisante, etwas gedämpfte, ein wenig gelangweilt klingende rauchige Stimme, deren Klang er so lange vermissen mußte. Sie hat etwas von einem Instrument, denkt er, einem Bandoneon, vielleicht, sie läßt seine Gedanken wie verrückt tanzen, wenn er sie hört. Tango im Zug von Bratislava nach Wien. Tango in seinen Ohren. Die Stimme. Wie ein ständiges Murmeln unter seinen Atemzügen. Sie träufelt ihm Honig in die Augenwinkel und läßt ihn doch nicht schlafen. Seine Gehörgänge sind verliebt, betört von solch mächtigem Aphrodisiakum. Ist er selbst es auch? Nußbraune Bäuche locken ihn im Spiegelschein des Zugfensters. Wie stark treiben ihn die Schattengespenster seiner Tagträume an? Er sehnt sich nach den Stunden, in denen die Nacht, lustlos und schlaff, über ihn hereinbricht und er seinen müden Kopf ausruhen kann. Wann werden sie kommen? Heute, morgen? Nie? Bis dahin heißt es wach bleiben. Wenn nötig: Bis in die Ewigkeit. Rom. Niederösterreich. Dazu die Golondrinas von Gardel. Seine Hand rutscht wieder und wieder von dem zerknitterten Bogen karierten Papiers, den er krampfhaft auf den Schoß drückt, gegen das Rattern des Zuges auf einem Band Henry Miller (Wendekreis des Steinbocks, das Buch gefällt ihm nicht sonderlich) ausgebreitet. Kann das noch ein Brief werden? denkt er mit einem kurzen Anflug schlechter Laune. Nein. Wieder der Blick in das Fensterglas, wo sich das scheinbar zum Greifen nahe Mädchen viel anmutiger, viel ebenmäßiger anzubieten scheint, ihre Kanten abgerundet, ihre kleinen Schönheitsfehler retuschiert. Sie fährt auch nach Wien, zusammen mit ihm, in seinen Bezirk, den Dreizehnten, er hat ihr beim Telefonieren zugehört; sie fährt dorthin, wo sein Blut die Luft geschmeckt hat, in die Heckenwelt und das Zauberreich seiner Kindheit. Aber sie gehört nicht dazu, sie ist zu jung, sie redet in einer Sprache, die er nie wirklich erlernt oder verwendet hat. Das ist grotesk. Der Lieblingstango (ihrer, nicht seiner, er denkt noch immer an den verwunschenen Bezirk und die Märchenwelt, bevölkert von geheimnisvollen Nymphen und Baumlebewesen) schraubt sich hinter seine Augen. Die Lider werden ihm schwer. Es geht um den Sieg eines Rennpferdes, wie banal! Doch dieser Sieg, um eine vielbesungene Nasenspitze, steht zugleich für Tausend andere Dinge, für Dinge, die sich mit schöneren Worten vielleicht nur ungenügend ausdrücken ließen. Deshalb muß ein Pferderennen herhalten. Ein weiterer Blick ins Fenster. Das Mädchen ist jetzt vom Sonnenlicht goldgelb glasiert. Die Augen hinter orangeroten Brillen verborgen. Das alles gibt ein zwischen Safran und Curry schwankendes vorderindisches Stimmungsbild mit Hietzinger Einschlag. Er seufzt. Sieht sich kurz über die gepflegten Bordsteine an der Via Nomentana balancieren, glücklich und traurig zugleich an dem regenfeuchten römischen Morgen, seine Füße streichelten die Gehsteigkante. Immer das alte Bild. Unwillig schüttelt er den Kopf und faltet das Papier zusammen. Nein, das wird kein Brief mehr! Und das Alte verträgt sich nicht mit der Gegenwart. Er zögert kurz. Nein, so würde er das doch nicht sagen. Die letzten Takte des Tangos verstummen. Ihre Stimme bleibt. In jeder Gegenwart. Und wird ewig bleiben.

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