Sonntagsarabesken #56

Gedacht und geliebt; im Traum gesehen und begehrt. Nie hat er sie berührt, nie sie leibhaftig vor sich erblickt, und doch liebt er sie. Sie – das ist das Bild einer Frau, der Schatten, der sich wie ein öliger Schleier jetzt auf der bewegten See auszubreiten scheint, während ihn, den Liebenden, die Kräfte verlassen. Er liegt auf dem schlingernden Achterdeck des Schiffes, das Gesicht zur Sonne gewandt, unfähig, sich zu bewegen, zu reden, die Augen zu öffnen. Windschwangerer Duft des Meeres, wolkenloses Himmelblau, beruhigendes Rauschen der Wellen: Er kann nicht riechen, nicht sehen, nicht hören. Welche Mächte haben sich verschworen, ihn in den Untergang zu treiben? Bloß die Liebe. Nach Osten, so heißt der Befehl. Doch an Bord gibt es keinen Kompaß. Nur den Körper des Halbtoten, die atmende Leiche, deren ausgestreckte Beine den Weg Richtung Sonnenaufgang weisen. Seit vier Wochen atmet man Salz und betet um ein Wunder. Seit vier Wochen ist kein Land mehr in Sicht. Werft ihn über Bord! flehen einige Matrosen, doch seine bewaffneten Diener schützen den Todkranken gut. Manchmal bewegen sich seine gesprungenen Lippen. Klanglos. Im Schlaf redet er irr. Es ist nur allzu klar, dass er innerlich verblutet. Denn sein Herz ist verwundet. Von ihr. Sie – das ist der Geist, der ihn über den Erdkreis jagt, die Vorstellung, nach der er sich verzehrt. Er hat gesungen von ihr, von den Pyrenäengipfeln bis Adriastrand, hat die Leute suchend befragt und die Städte bereist. Dann sah er den Schimmer der Morgensonne auf dem faltigen Wasser. Hinter dem Horizont, so schien es ihm plötzlich, dort mußte sie sein! Nach Osten, so heißt der Befehl. Doch das Schiff hat keinen Kapitän. Nur ihn. Die Zeiten wenden sich, das Wetter schlägt um. In schäumender Gischt schaukeln sie ihrem Verderben entgegen. Die Stimme wird laut, ihn zu opfern. Ein Dutzend Hände packt bereits an. Da zerreißt das Dunkel der Wolken, und schüchternes Licht bricht auf die Planken. Seine Stirn schimmert vor Nässe; es ist kein Wasser, sondern Fieberschweiß. Man läßt ihn in Ruhe. Der Tage und Qualen kommen noch viele. Bis schließlich von weitem die braunen Zinnen von Tripolis grüßen. Dort wartet sie. Dort wartet sein Tod.

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