Sonntagsarabesken #57

Er hatte schon nicht mehr darauf gehofft, jemals wieder etwas von ihr zu hören. Jahre waren vergangen seit ihrem letzten Gespräch; die Stille wurde ihm zur gewohnten Begleitmusik. Auf einen Fragebogen bezüglich seiner Lebensumstände schrieb er einmal lapidar: „Stille als Hintergrundgeräusch“. Und damit war alles gesagt. Die Schlachtfelder hatten sich verlagert. Er dachte nicht mehr an dunkle, sondern an blonde Haare. Reale Berührungen ersetzten mehr und mehr das fruchtlose Aufbäumen seiner gequälten Phantasie. Adverbien, die sein Handeln und Tun beschrieben, waren unmerklich an die Stelle der hymnisch distanzierten Adjektive von früher getreten. Die Sprache seiner Liebe hatte sich völlig verwandelt. Aus dem schönen Schmetterling war wieder die unscheinbare Raupe geworden. Eine Metamorphose hin zum Besseren, wie er fand. Denn die Schmerzen waren verschwunden. Fortgespült die Steine in seinem Bauch, die bedrückenden Gedanken in den traumschwangeren Minuten gleich nach dem Aufwachen. Es ging ihm gut, wie er zufrieden feststellte. Er war, wie man zu sagen pflegt, über die Sache hinweg. An diesem Nachmittag saß er, in eine Wolke leichter Musik gehüllt, in seinem Wohnzimmer bei einem Glas Rotwein, als das Telephon läutete. Er öffnete die Augen. Schläfrig griff er nach dem Hörer. „Hallo?“ Es war ihre Stimme. Wie eine Eispackung spürte er das kühle Plastik des Telephons auf seiner Wange; gleichzeitig drang ein Stich durch sein Ohr bis tief hinab in den Magen. Alte Wunden reißen immer wieder auf, heißt es oft. In diesem Fall fühlte er sich wie in der Mitte durchgeschnitten; innerhalb einer flüchtigen Sekunde war er verblutet.

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