Sonntagsarabesken #58

Woher kamen die Geister, die ihn jagten? Aus den Tiefen längst durchstanden geglaubter Nacht. Sie waren ihm ständig auf den Fersen. Bei jedem Schritt provozierte ihre Anwesenheit das unausweichliche Straucheln. Bei jedem Gedanken den ewig drohenden Schlag. Er fühlte sich abgeschnitten von der Realität, die sich ihm ohnehin nicht häufig zu erschließen pflegte. Ferne Gestalten lassen sich nicht klar erkennen, sagte er sich immer wieder, Normalität beschwörend wo doch nur blankes Grauen herrschte. Er stieg in die Straßenbahn, um an den Stadtrand zu fahren. Seine Bewegungen wirkten mechanisch. Im exakt ausgeführten Schritt, im technischen Ritual lag seine letzte Kraftreserve. Ankämpfen gegen eine gefühlsverwirrte Welt mit den schmerzunempfindlichen Sensorien eines Maschinengewehres, dessen Mechanismen reibungslos zu funktionieren haben. Das war sein Gebet, der Vers, das kleine Einmaleins, das er jeden Tag vor dem Aufstehen zu beten pflegte. Steig aus dem Bett und nimm Deinen Platz dort ein, wo Du noch halbwegs in Sicherheit bist: Zwischen den Produktionsmitteln! Also verwandelte er sich selbst mehr und mehr in die Karrikatur einer Maschine, während rund um ihn herum die letzte große Schlacht zwischen Industrie und Menschheit tobte. Es war ihm gleichgültig. Was konnten die lächerlichen Schattenspiele hinter den verschmierten Straßenbahnscheiben schon bedeuten? Warum sollte in der feuchten Nebeldecke, die den Asphalt überspannte, irgendeine Wahrheit liegen, die er nicht bereits kannte? Das Licht spielte zwischen den Fäden dieses Zaubernetzes. Tausend Waben, vollbesetzt mit Schattengewächsen und verschwommenen Gestalten, glitzterten verlockend in der erdbraun aufziehenden Nacht. Das Zauberspiel, das um Mitternacht seinen Höhepunkt erreichen würde, hatte jetzt begonnen. Und die Kugel rollte talwärts; bei jeder Station, an der die Straßenbahn halten mußte, stiegen tote Körper zu. Er wollte nicht wissen, wie sich alles da draußen organisierte, er wollte bloß sicher nach Hause kommen, und es war ihm das geringste Bedürfnis, dabei irgendetwas von Leben oder Existenz zu verstehen. Schließlich saßen sie ihm im Genick. Moorleichen der Erinnerung. Ihre aufgequollenen Gesichter klebten jetzt wie im Familienalbum, schön gesittet nebeneinander, an der Scheibe. Auch ihm gegenüber. Eine Armlänge entfernt. Hinter ihm. Neben ihm. Überall. Die Luft war stickig, zum Schneiden, sie roch nach Leben, Tod, Lust und Verzweiflung. Er spürte, wie er zu schwitzen begann. Oder besser: wie ihm der kalte Schweiß aus den Poren platzte. Sein Magen drehte sich um. Er mußte aufstehen, aussteigen, davonrennen. Eine halb abgenagte Knochenhand winkte zu ihm herüber. Ein schwarz verfaultes Augenlid blinzelte ihm zu. Ja, es war Zeit. Zeit zu gehen.

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