Sonntagsarabesken #59

SO. Obwohl sich das liebende Subjekt unaufhörlich bemüßigt fühlt, das Liebesobjekt zu definieren und an den Ungewißheiten dieser Definition leidet, träumt es von einer Einsicht, die es den Anderen ganz so zu nehmen befähigt, wie er ist, aller Adjektive bar.
Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe (1977; dt. 1988) 200.

Sie sehen, an sie denken, von ihr träumen. Alles fließt zusammen in einem riesigen Wirbel. Tausende Farben, die sich wie in einem Kaleidoskop zu unendlich vielen Mustern verstricken, nur um in der nächsten Sekunde schon wieder von dem Ort zu fliehen, der für kurze Zeit höchste Pracht hervorgebracht zu haben schien. Sie sehen: Die Augen streifen über die geschlossene Oberfläche, unter der sich alles verbirgt, was „sie“ heißt, sie umkreisen die Zielpunkte ihres Wollens, sie stellen kunstvoll Fallen und tappen schließlich doch immer wieder nur selbst hinein. Die Augen sind die sensibelsten und gleichzeitig unempfindlichsten Sinnesorgane eines Körpers, sie lassen die Geliebte erstehen und verschwinden, in Dunkelheit versinken, doch selbst dieses Nicht-Mehr-Sehen besitzt die Macht, Bilder zu beschwören. Bilder, geboren aus tiefster Blindheit; ständig im Wandel, vielgestaltig. Doch ab einem gewissen Punkt (dem Punkt, an dem Verzweiflung oder Gewöhnung oder Trennung eintritt) fixiert und schärft sich ein einziges, ein übermenschliches Bild. Erst vor dem inneren Auge, später – im Wahnsinn – auch draußen, in der sogenannten wirklichen Welt. Dann ist es so, als hätten wir die (verlorene, verschwundene, begrabene) Geliebte nie anders gesehen als in unseren Träumen. Fenster zum Draußen, ihr Augen, warum versagt ihr euren Dienst?

An sie denken: Dutzende Briefe, geboren aus der verzweifelten Nachwehe des Traumes, Tag für Tag, liegen neben dem Schreibtisch, nicht abgeschickt. Hundert weitere sind noch nicht geschrieben. Ihre Zahl füllt syrische Wüstennächte. Die Gedanken sprengen den Schädel des Schreibers. Und keine andere Erlösung scheint in Sicht als die völlige Selbstaufgabe. Jeder einzelne Gedanke läßt die Wände enger zusammenrücken, schnürt die Luft ab, zieht die Ketten fester um die Handgelenke. An sie denken heißt also: ihr ausgeliefert sein. Von ihr verzaubert zu sein, mit einem Zauberspruch belegt, den sie nicht wissentlich ausgesprochen hat, von einem Bann bedrückt, den sie selbst nicht kennt. An sie zu denken ist die Kapitulation vor dem Verlangen. Warum fliehst Du nicht, Verückter?

Von ihr träumen: Jeder Traum der fruchtbare Boden, auf dem die Saat der Liebeskrankheit Blüten treibt und gedeiht. Der Tag danach, ein Minenfeld. Jeder Schritt führt zur emotionalen Detonation, die jeweils ein anderes Glied des narbenbedeckten und zerfleischten Körpers zerreißt. Es gibt keine Umwege oder gar Auswege aus den immer und immer wieder heraufziehenden Träumen. Schlachtfelder der Liebe. Der geschehenen oder ungeschehenen, der bewußten oder unbewußten Liebe. Grauenvolle zuckersüße Traumbilder, warum jagt ihr mich?

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