Sonntagsarabesken #63

Die Geräusche der Stadt waren ihr fremd geworden; und doch hatte sich rund um sie nichts verändert. Bloß sie selbst. Das wurde ihr jetzt, die regennasse Straße entlang gehend, bewußt. Keines der Bilder, die sie seit ihrer Ankunft in sich aufgenommen hatte, war von größerer Bedeutung gewesen, von Schönheit ganz zu schweigen. Aber das hing nicht mit der Mittelmäßigkeit dieser Eindrücke zusammen. Vielmehr hatten sie mit ihrem Leben nichts mehr zu tun. Ohne Sinn, abgeschnitten von allen Gefühlskontakten, verkümmerte alles, was von der Oberfläche und aus den Eingeweiden der Stadt auf sie einströmte, wurde nicht wahrgenommen oder bestenfalls als irritierend abgetan. Dunkelheit kroch über die Dächer; es war kein Kriechen im eigentlichen Sinne des Wortes, vielmehr ein Tasten mit ungeduldigen und vielleicht ein bißchen schmutzigen Fingern, ein Anlehnen, das wohl kokett gemeint sein sollte, aber das neckische Lächeln mit dem zahnlosen Mund einer verrückten Alten vertauscht hatte. Es war also kein Kriechen im eigentlichen Sinne des Wortes. Das Kriechen spielte sich nämlich nicht dort ab, wo die Dunkelheit voranschritt, also draußen, sondern in ihr selbst, in ihrer Erinnerung, die sich vor dem Jetzt sträubte, das mit unerbittlicher Trägheit begonnen hatte, sich über sie zu legen. Sie war müde. Hatte Kopfschmerzen. Und wollte nur noch weg.

Ja, ich verstehe Dich, ich verstehe Dich ja! Du hast soviel gesehen, soviel erlebt, soviel gelernt, hast Deine Grenzen geöffnet und die Realität durchs Fenster hereingelassen. Du hast Dich in einen Kontinent verliebt, in einen ganzen exotischen Strauß voll entzückender Menschen, Du bist so wunderbar dunkel geworden wie ein alter toskanischer Rotwein. Aber trotzdem kann ich nicht aus der Falle entkommen, die ich mir selbst gestellt habe, denn ich liebe Dich. Noch immer. Und die Wahrheit ist: Du hast Dich verändert, ich aber nicht, und Du fährst zu ihm, während ich diese Zeilen schreibe, und Du denkst schon nicht mehr an mich und diese Stadt, weil die Welt Dich zu locken begonnen hat, eine Welt, in der ich keinen Platz habe. Du läßt uns alle so weit zurück in Deinem Glück! Vor allem mich. Unmenschlich ist das, unmenschlich und normal zugleich. Nennt man das etwa Entwicklung? Oder Verwandlung? Oder Grausamkeit eines zynischen Schicksals? Was Du mir gegeben hast, wie sehr Du mich motiviert hast, wieder in mein langweiliges und vorhersehbares Leben zurückzufallen, Du kannst es Dir nicht vorstellen! Jeder Deiner schönen Augenblicke auf der anderen Seite des Erdkreises wurde durch meinen Schmerz erkauft! Meine Briefe aus der Wüste, die Dich nie erreichen werden, stehen am Ende dieser lächerlichen Vernarrtheit. Und jetzt? Jetzt irren wir, perverse Laune der fortschreitenden Zeit, Seite an Seite durch die nachtdunkle Stadt, der Boden ist tatsächlich naß unter unseren Füßen, wir gehen nebeneinander und doch aneinander vorbei. Obwohl wir sogar in regelmäßigen Abständen die Illusion eines Gespräches aufrecht erhalten. Meine Worte klingen hohl. Sind es überhaupt meine? Oder versuche ich, mich anzupassen an etwas, wovon ich glaube, Du hättest es verdient? Anstatt des liebeskranken Idioten mache ich Dir den scheinbar entspannten Clown. Wie schön! Jedem das, was er verdient!

Sie schlendert weiter, und über eine Treppe erreicht sie schließlich den Donaukanal. Sie starrt auf das Wasser. Die Kälte fährt stechend unter ihren Mantel bis in ihren Magen, und erinnert sie daran, daß sie nach Auskunft der Spezialisten eigentlich schon tot sein müßte. Darüber hat sie mit ihm geredet, sie weiß es noch, es sind erst zehn Minuten vergangen seit dem Gespräch, ach ja, und er ist ja auch noch da. Mit einem oberflächlichen Blick streift sie seine dunkle, hagere Gestalt. Ganz verloren wirkt dieser Körper vor dem glänzend schwarzen Spiegel des Wassers, der von dünnen Mondlichtfäden und blitzenden Reflexen der Straßenbeleuchtung überzogen ist. Er sieht müde aus. Aber eigentlich ist ihr das gleichgültig. Das gesteht sie sich mit einem Anflug von Überraschung ein. Es ist ihr völlig egal, was er, der schwarze Fleck vor dem schwarzen Spiegel, in diesem Augenblick denken mag. Sie kann es sich ausmalen, denn er ist nicht nur ein farbloser Kerl, sondern noch dazu berechenbar. All seine banalen, kitschigen Liebesklischees hat sie im vergangenen Winter tapfer ertragen, sie abprallen lassen an ihrem Panzer, geschmiedet aus damals nur teilweise gefestigter Selbsterkenntnis. Aber jetzt? Jetzt lächelt sie nur.

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