Sonntagsarabesken #68

Der Schatten wanderte langsam über ihre Wange bis an die Schläfe hinauf. In einer zweiten, abwärts mäandrierenden Bewegung umfing seine unscharfe Grenze die Kuppe des Nackens, den Hals begleitend bis hinab auf die leicht hochgezogene linke Schulter. Kleine Lichtpunkte tanzten zwischen den feinen Poren ihres Oberarmes. Das dichte Schleierwerk hell-dunkler Flächen verlagerte sich zwischen ihre Augen. Er lag ihr gegenüber, ihren Atem auf seiner Haut fühlend, ein warmes Streicheln, ein Vorübergleiten von Glück, das er festzuhalten gedachte, solange es in seiner Nähe war. Zinnoberrote Feuerzungen leckten an den Vorhängen empor. Wie das Glühen brennender Gärten am Horizont. Hinter einer Staubwolke flackernd, ein Scheinen und Glosen, in der Dunkelheit verflüssigt, Flammenhitze, die man nicht spüren, sondern nur erahnen konnte. Rote Bettwäsche türmt sich in Gedanken zu faltigen Gebirgen. War das Gefühl ganz klein und gewöhnlich, so dass man es nicht zu fest greifen durfte, ständig in der Gefahr, es zu zerquetschen? War es der Reiz der atomhaft gebündelten Energien, die keines besonderen Gefäßes bedurften, sondern einfach nur da waren, ihn umgaben wie ein wärmendes Kleidungsstück, in dem er sich uns so wohl fühlte, dass wir es nie wieder ausziehen wollte? Oder war es vielmehr wie das Glänzen eines unendlich weit entfernten Sternes, wie das Feuerlodern dort hinten am Himmel, wie die Schöne auf der im Westen treibenden Insel, ein Wunschbild, Schatten eines Traumes, in den sich die Liebe verstrickt und verwickelt hatte, von der Realität abgelöst und deshalb von besonderer, ausgefallener, exquisiter Schönheit? All das und viel mehr. Dieses Gefühl öffnete sich in ihm wie eine majestätische Blüte. Er streckte die Hand aus, um die Schattenlinie zu berühren. Fuhr die aus Licht und Dunkelheit gebildeten Grenzen mit seinem Zeigefinger entlang. Beugte sich schließlich ganz hinüber, um ihre Lippen zu suchen, die unter schwarzem Samt verborgen schienen. Flüchtige Impression eines Kusses wurde vom Erwachen eines wilden Hungers hinfort gewischt. Die Vorhänge standen nach wie vor in Flammen. Ihn streifte die subtropische Hitze, die über dem Hafenbecken von Goa liegen mochte; die salzige Luft, die durch die Säulengängen von Pedralbes spülte; die scharfe Kälte, die den schneebedeckten Hügeln und dunklen Fichtenwäldern entströmte. Ein göttlich schöner Ton umarmte ihn. Und mit nachtblau spiegelnden Augen warf sie sich über ihn.

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