Sonntagsarabesken #70

Sie traten in den Saal. Musik, Gelächter, Blumenduft, die Schritte Dutzender tanzender Paare auf dem Parkett; honiggoldenes Licht strömte in seidigen Kaskaden von Kandelabern und Kronleuchtern und überzog alle Kanten und Schärfen mit schimmernden Aureolen. Er roch die Ausgelassenheit und das Verlangen der dicht gedrängten Menschen nach Zufriedenheit; Zigaretten- und Zigarrenrauch, frisch entkorkte Sektflaschen, warme Speisen, teure Parfums, Rasierwasser, Schweiß und brennende Kerzen. All das ergab das unvergleichliche Bukett eines Ballabends. Er spürte ihre Hand in seiner Armbeuge. Ein unbestimmbarer Druck lastete plötzlich auf seiner Brust und erschwerte ihm das Atmen. Die Luft in seinen Lungen stand in Flammen. Er spürte eine feuchte Kälte, die sich über seinen Nacken zu breiten begann. In einer der Logen schräg gegenüber der Feststiege, auf deren letztem Absatz das schöne Paar zu stehen gekommen war, hatte sich der grau umschattete Kopf eines dunkelhaarigen Mädchens in seine Richtung gewendet. Seine Augen weiteten sich vor Schreck, als er die feine Linie ihrer Wangen unter der wie Quecksilber glänzenden Schminke erkannte. Auf der anderen Seite des Saales erhob sich eine junge Frau in schwarzem Kleid von ihrem Tisch. Ihr rostrotes Haar war hochgesteckt, ihre Schultern wurden von einer silbernen Stola umhüllt. Er sah sie nur aus den Augenwinkeln; aber er erkannte sie sofort. Die langsamen, angestrengten Bewegungen dieses kränklichen Körpers hätte er selbst noch im Traum mit ihrem Namen zu verbinden vermocht. Sein linker Arm zitterte, sein Blick jagte durch den Saal, gehetzt, nervös, er fühlte sich wie ein gejagtes Tier, das mit dem Rücken zur Wand die Hunde erwartet. Die gekrümmte Linie einer Hüfte, das marmorne Weiß eines Oberarmes, die karminroten Blütenblätter eines Lippenpaares erschreckten ihn zu Tode. Gespenster stiegen aus den Nischen, schwebten von den Emporen, lösten sich aus den blassen Deckenfresken. Der Saal hatte Feuer gefangen. Er hörte die stummen, anklagenden Schreie aus allen Richtungen. Nur er hörte sie. Gestalten einer vergangenen Zeit. Durchsichtige Schönheiten, die sich in wirbelnden Rauchbildern verknoteten. Finger drückten seinen Ellbogen. Sanft, aber bestimmt. Er wollte sich befreien, sich losreißen, die Treppe hinauf und ins Freie, in die Freiheit rennen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Der Sekundenzeiger tickte unbarmherzig über die Schrecken seiner Vorstellungskraft hinweg. Zögernd folgte er der Richtung, die der Druck an seinem Arm ihm bedeutete. Hatte er etwa eine Wahl?

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