Sonntagsarabesken #75

Unter einem Berg von Schriftzeichen begraben zu werden, das ist der Alptraum des nachdenklichen Schöndenkers. Aber er kann gar nicht anders, er muß einfach schreiben, auch wenn er sich so womöglich sein eigenes Grab schaufelt. Das Wasser steht ihm sprichwörtlich bis zum Hals. Er droht zu ertrinken in einem weiß wirbelnden Strudel von Stimmungen und Gefühlen, die seinen Kopf mit Explosion bedrohen. Doch sein Kopf läßt sich nicht bedrohen! Stattdessen betätigt er das Notfallventil. Und schreibt. Er schreibt seiner Angst, seinen Träumen, seinen Hoffnungen davon. Er schreibt sich fort aus seinem Zimmer, seinem Haus, seiner Stadt. Er schreibt sich aus der Welt. Vielleicht dorthin, wo ihn wie sonnenglühender Pfeil ihr goldenes Lachen erwartet, das plötzlich aus seinem Leben gebrochen ist. Vielleicht auch an eine ferne Küste, vor der ein stolzes Schiff zerbrochen ist und eine große Liebesgeschichte ihren Anfang nehmen wird. Rettung und Untergang in einem, das Schreiben. Er sieht sich selbst vor dem Tisch kauern und Papier mit schwarzen, engen Mäandern bedecken, die aussehen, als hätte eine Armee von Ameisen mit Tinte an den Füßen gerade das Blatt überquert. Es sind die syrischen Briefe, die er besser nie geschrieben hätte, die er sich jetzt schreiben sieht, und gleichzeitig ist er sich der Tatsache bewußt, dass sie eigentlich so gut wie nie geschrieben wurden, da sie ihre Adressatin nie erreicht hatten. Mit einem Wort: Die Einbildung raubt ihm oft die Luft, denn er weiß natürlich viel mehr, über das Geschriebene hinaus, zwischen den Zeilen lesbar, unter den Buchstabenkörpern begraben, hinter den Kommas und Strichpunkten verborgen, davon weiß er und kann es nicht vergessen, und die Last dieses Wissens vervielfacht seine Furcht vor der Macht des Geschöpfes, das er in die Welt gesetzt hat (obwohl ja überhaupt nicht ausreichend geklärt ist, was davon nun als allgemein bekannt, als halbwegs privat oder gar als bislang noch ganz unbekannt zu gelten hat). Teile des Monstrums haben es hinaus geschafft. Das ist die Hauptsache. Darauf kommt es an. Die Möglichkeit ist gegeben, dass er bei hellem Tageslicht von einem seiner Geistergedanken eingeholt und erschossen wird. Die Bedrohung ist real. Der Berg hat sich hoch getürmt, die Buchstaben winden sich in endlos aufragenden Locken um die Flanke des hieroglyphischen Fleischgipfels, der seinen Schatten kalt und gnadenlos über dem Dichter schweben läßt. Wie eine Sonnenuhr, die immer die letzte Stunde anzeigt. Oder wie der anklagende Finger, mit dem Danton seine Richter durchbohrte, nachdem er ihre Anklage in Stücke gerissen hatte. Selbst in der Nacht ruht dieser Schatten auf ihm und läßt ihn frösteln. Das Atmen fällt ihm schwer. Sein Blick verliert sich zwischen den wirbelnden Staubpartikeln im Lampenlicht. Er will träumen. Stattdessen schreibt er.

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