Sonntagsarabesken #76

Eine Frau, deren schräg stehende Augen an die Madonna der Cappella Capponi erinnerten, saß ihm gegenüber am Fenster. Sie starrte scheinbar gleichgültig an ihm vorbei, seinen hochgeschlagenen Mantelkragen mit dem Blick gerade noch streifend, und er beobachtete ihr rechtes Profil bloß über den Umweg des schwachen Reflexes in der Fensterscheibe. Zwischen diesen beiden sich nicht oder nur peripher oder vielleicht doch intensiver als üblich musternden Gestalten herrschte eine merkwürdig entspannte Spannung. Da wurde auf kleiner Flamme geblickt. Allerdings nicht ohne die Möglichkeit eines plötzlichen, unvermuteten, schmerzvoll kurzen Augenkontaktes. Sie wußte, dass er sie versteckt betrachtete; er wußte, dass sie nicht nur seinen Mantelkragen, sondern gleichzeitig auch seine dunkel umschattete linke Wange, unter Umständen sogar seine Lippen oder seine linke Schläfe mit dem darüber ansetzenden, wellig zurück gekämmten Haar fixierte. Sie wußte nicht, dass ihre schräg stehenden Augen ihm das Bild von Florenz in Erinnerung riefen; er wußte nicht, dass sein Mantelkragen sie an eine alte Photographie erinnerte. Ein warmer Wind fegte über den Domplatz und trieb Staub gegen die Bronzetüren des Baptisteriums; der braune Stich des vergilbten Papiers schien das Gesicht des in die Kamera Lächelnden von unten her aufzufressen wie eine geheimnisvolle Fäulnis. Der Geruch des Gemüsemarktes, das Rufen der Straßenhändler, Trillerpfeifen der Polizei und stinkende Rinnsteinabfälle vor der großen Fleisch- und Fischhalle. Zwischen zwei Makrelenköpfen liegt eine orangerote Rose. Der Mann hat eine unnatürlich steife Pose eingenommen, um sich dem Objektiv gegenüber makellos zu präsentieren, sein Blick ist auf einen Punkt hinter dem Photographen gerichtet und scheint sich im Nichts zu verlieren. Ein weißseidenes Halstuch wird von dem hochgeschlagenen Kragen gerahmt. Er, an Florenz denkend, könnte jetzt lächeln und den Kopf zu ihr hinüber drehen. Sie, die Photographie des schon lange Verstorbenen wie ein reizvolles Puzzle zusammensetzend, könnte jetzt seine Wange verlassen und auf direktem Weg seine Pupillen suchen. – Eine in den Wagon wirbelnde italienische Schulklasse durchkreuzte das elektrisch geladene Wandern der Augen. Die pastellfarbenen Flecken der Kinderkörper zerschnitten in schneller Bewegung jeden Kontakt. Alle weiteren möglichen Blicke waren verhindert. Die automatischen Türen klappten nach innen und trennten mit ihrem mechanischen Lärm den warmen Fahrgastraum von der kalten Außenwelt. Sie fuhr bis zur Endstation. Er hatte kein Ziel.

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