Aus Thalgau

Ich habe mich erst unlängst mit dem Thalgauer, einem waschechten salzburger Mannsbild, das, wäre es nicht in Wien, sofort wieder in seine Lederhose springen und mir irgendwas von Schifahren und Mozart erzählen würde, unterhalten und mir kam vor, dass er sich mittlerweile zu einem echten Wiener, also in der österreichischen Evolutionsleiter ganz nach oben gearbeitet hat. Ich persönlich habe ja nichts gegen Salzburger, in meinem Freundeskreis finden sich sogar mehrere Prachtexemplare dieser Sorte, aber beim Thalgauer bin ich mir schon nicht mehr sicher, ob das nun ein Salzburger oder ein Wiener ist, der da vor mir steht.

Ich habe mich, wie schon erwähnt, mit dem Thalgauer unterhalten und ich habe penible Aufzeichnungen darüber geführt, was ihn nun zu einem Wiener macht. Sicherlich wird der geneigte Leser diese irrwitzige Ansammlung an von der Situation losgelösten Ereignissen und Aussagen nicht so zu deuten wissen, dass sich für ihn ein Sinnzusammenhang ergibt, aber wenn zumindest der Thalgauer sich wiedererkennt, so habe ich mein Ziel schon nicht verfehlt.

Um 16:38 Uhr stelle ich fest, dass der Thalgauer das Buch „Wien im zwanzigsten Jahrhundert“ besitzt, liest und kommentiert.

Um 16:45 Uhr bestellt er eine Melange anstatt des üblichen Großen Braunen oder, wie er es früher getan hat, „einen Kaffee“.

Um 17:05 Uhr erklärt mir der Thalgauer, dass er alles über Wien weiß – sogar, dass die Kennedybrücke demnächst umgebaut wird.

Um 17:06 Uhr kommt die Aussage, die den Wiener als selbstgefälligen Dauerraunzer entlarvt: „Ma hat’s ned leicht.“

Um 17:16 Uhr besteht der Thalgauer auf der Aussage „Außerdem mög’n die Leut’ mein’ Locher, du Arsch!“, nachdem ich sein zweckentfremdetes Blöken dekonstruiert und ihn auf die Zweideutigkeit seiner Aussage hingewiesen habe, die akustisch in etwa so bei mir ankam: „Außerdem megn de Leit mein Loch a, du Orsch!“

Um etwa 17:25 Uhr erklärt er mir, dass er auf der Praterwiese rodeln war und sagt das so, als ob die Praterwiese der Himmel auf Erden wäre. Er erwähnt sogar, dass das Setzen der eigenen Tasche als Pfand für eine Rodel eine tolle Sache ist.

Um 17:47 Uhr fällt die Charakterisierung: „auf gmiatlich“ und nur kurze Zeit später folgt das: „De Walle is a so a dreckige Henn’!“

Eines muss man dem Thalgauer aber lassen: War es früher immer so, so kriegt er jetzt nur mehr dann einen roten Kopf, wenn er denkt. Nachdenken hat er nicht müssen als ich ihn fragte, wann er denn das letzte Mal dem Verkehr beiwohnte: „Das ist eigentlich gar nicht solange her, das kann ich dir ziemlich genau sagen!“ – war die Antwort. Ein Hoch auf Wien, Thalgauer!

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