Sonntagsarabesken #80

Bläulicher Rauch steigt auf, wenn die Herzen unschuldiger Geschöpfe verbrennen. Und die Schreie berichten von Schmerz und Qual. Können Tränen die Flammen löschen? Altäre, bedeckt von Feuer und flockiger Asche, ragen gegen den abendroten Himmel. Ein Gemälde des Grauens. Der Fremde wendet die Augen ab, ihm ist übel. Er glaubt zu sehen, in Wahrheit ist sein Blick verschleiert. Sein Körper versagt ihm den Dienst. Das ist der Fluch seines Denkens, das ihn hinaus getrieben hat, weit und immer weiter, bis die Küste hinter ihm verschwunden ist. Jetzt: Hoher Wellengang und die Gewißheit, sich selbst inmitten einer trunkenen Stadt verloren zu haben. Die Oberleitungen surren im Wind. Elektrische Impulse, in das Rauschen der Natur übersetzt, bewegen sich unsichtbar aber stetig. Die gigantische Zentrifuge des Außen dreht sich um sein Innen. Ein betäubender Druck in seinen Ohren, pochende Adern an Schläfen und Hals, kalte Tropfen stehen auf seiner Stirne. Im Erker des schlafenden Hauses steht ein Fenster einen Spalt breit offen. Von dort tönen Musik und Gelächter über die Straße. Seine Schuhe sind rostfleckig verunstaltet. Ein Rinnsal aus Blut und Schmutz fließt an ihnen entlang, teilt sich an den Spitzen wie an den Pfeilern einer Brücke und schließt sich wieder hinter den Absätzen. Gestern noch knirschender Kies auf dem Weg in Richtung Unendlichkeit zwischen exotischen Bäumen und glücklichen Menschen, heute eine Nacht der Verzweiflung, die sich im Rücken des Schlafes angekündigt hat. Das Ziel ist aus dem Blickfeld geraten. Gehen und gehen ohne Ziel? Wanderungen, die sich um einen blinden Fleck bewegen, gegen den Strom schlammigen Blutes, gemischt mit Tränen, gemischt mit Schweiß und Galle? Schlängelt man sich zwischen den Hindernissen hindurch, nach dem greifend, was eben gerade zur Hand ist, steht man also dort oben in der Wohnung, aus der wie eine Harmonia Mundi die Musikmaschine zu stampfen scheint, und schmiegt sich an die Rundung einer unbekannten Hüfte, so könnte man einen Hauch von schwerelosem Leben erhaschen. Oder nicht? Es wäre wohl möglich, von Sekunde zu Sekunde sich selbst zu vergessen, seine Sorgen einem weingefüllten Magen anzuvertrauen, die Lasten abzuschütteln, aus dem Todesmarsch der Tage herauszutreten für eine lange, peinigend gedehnte Nacht. Wäre das die Erlösung? Er steht da, mit den Händen in den Manteltaschen, und riecht die verbrannten Körper. Das Zucken der von Hitze Berührten und Gefressenen; die Krümmungen ihrer Gliedmaßen, die sich zuerst mit roten Blasen bedecken, bis sie schließlich zu Kohle verbacken und von Frühlingsluft in alle Richtungen zerstäubt werden. Das tut der Schmerz. Das tut die Liebe. Das tut der Mensch.

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