Sonntagsarabesken #85

Die gespiegelte Wirklichkeit in den Bahnen der ersten Erinnerung: Es erscheint, Wiederholung auf Wiederholung, das Bekannte hinter der Maske des Neuen. Und symmetrisch wechselt sich das kleine Universum alltäglicher Einfallslosigkeit und Streitereien mit dem unendlichen Horizont frischer, klarer Liebe ab. Das muß vielleicht so sein, aber es ermüdet, denkt der Dulder, der langsam den Spaß an der Sache verliert; dem die Schlingungen der Banalitäten zu durchschaubar werden; der den Reiz der von ihm verlassenen Landschaft wieder schüchtern zu schätzen beginnt. Eine Rückkehr, die als Aufbruch empfunden wird, aber keineswegs Einschnitt, sondern eher sanftes Hinüberdämmern ist. Die Grenzen des klar Sagbaren werden von einem feuchten Nebel verwischt, dessen Ursprungsort das Unmittelbare und Unwiderstehliche ist. Frühling des Geistes, Frühling der Sinne, geboren aus dem Herbst der Erinnerungen? Warum stößt ihn plötzlich etwas ab, das er zuvor noch gar nicht klar benennen hatte können, und warum ziehen ihn die verlorenen Details mit einem Mal wieder an? Er nimmt einen Schluck Wein und läßt die Säure der Flüssigkeit wie einen festen Ball durch seinen Gaumen rollen. Das beruhigt und stärkt. Die Zweifel treten zurück hinter das größere Gefühl der Zufriedenheit. Er kann zufrieden sein mit dem Zustand, den er erreicht hat. Die Gefahren sind verschwunden, das Leben hat sich normalisiert, mögliche Veränderungen können vorhergesagt und folglich rechtzeitig verhindert werden. Er hat eine Art von Mitte gefunden, einen Schwerpunkt, ist sozusagen gut ausbalanciert über dem Zentrum seines Denkens. In flach bewegten Wellen umkränzt der dunkle Wein diese Insel. Und das Atemholen fällt leichter. Ärger und Verblüffung haben sich gelegt; Windstille. Die Sonne wärmt gnädig den Beobachter, der sein eigenes Leben im Spiegel erkennen kann. Es hat sich nur unwesentlich verschoben, denkt er. Die Schmerzgrenze ist aufrecht geblieben, ebenso wie der Respekt und die Ungeduld. Wenn sich derartige Dinge nicht verändern lassen, wenn die Ruhe des Liebens nichts anderes als eine Transformation der Langeweile ist, warum nimmt ihn all das dann so mit, verursacht ihm körperliche Beschwerden? Er weiß es nicht zu sagen. Stattdessen noch ein Schluck Wein. Die Schatten schließen sich um ihn und tanzen im Kreis. Das angenehme Summen neugeborener Insekten unter grünem Blätterbaldachin, die Reinheit der Luft, den weingestärkten Körper umarmend. Nichts kann seine Insel überspülen. Dort wird er unantastbar, frei und in Sicherheit sein. Für immer.

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