Sonntagsarabesken #86

Manche Existenzen stellen Eleganz gegen Krankheit und Tod. Die schiere Aura des Schönen scheint in diesen Fällen das Unausweichliche abzuwenden. Und doch geht in letzter Konsequenz die Rechnung nicht auf und alles zugrunde. Selbst die Schattenspieler, die versuchen, die Wirklichkeit von Stunde zu Stunde zu überlisten, sind der Fäulnis versprochen. Während draußen die Bäume knospen, bereitet sich der Vicomte de Savigny also auf den Tod vor. Er tut es pedantisch und mit der gebührenden Ruhe. Der in seinen Augen gebührenden Ruhe, sollte man sagen, denn ein Verhaltenskodex zwingt ihn in diese Bahnen, dem er sich nicht entziehen kann. Es ist das Handeln seiner Väter. Gegen zwei mit rotem Brokat bezogene Kissen gestützt ordnet er seine Finanzen. Ein bitteres Lächeln, wie ein häßlicher Riß, durchzuckt sein Gesicht. Es gibt nicht mehr viel zu ordnen. Ludovic de Savigny ist bankrott. Aus der Zinnschale steigt in dünnem Faden baluer Weihrauchdunst. Die schweren Vorhänge sind zugezogen, so dass nur das Licht der Schreibtischlampe seine goldenen Reflexe über die dunkle Wandtäfelung entsendet. Wie ein schwarzgraues Mosaik scheint sich der Körper des Vicomte aus mikroskopisch kleinen Schattensteinchen zu formen. Nur die hohe Stirn, die Wangen bilden weiße Flächen: Totenbleich. Der Bordeaux (das Glas mittlerweile geleert) hat keine Farbe in dieses Fleisch zu bringen vermocht. Das Spiel ist vorbei. Seit einigen Minuten ist auch die Musik verstummt. Doch der Vicomte bemerkt es nicht. Clementis Klaviersonaten sind in stummer Prozession an ihm vorbeigezogen, haben seine Ohren, aber nicht sein Denken berührt. Er denkt Anderes, Größeres, mit einer Kälte, die selbst ihn etwas überrascht. Der Nebel trägt ihn mit sich fort. Der Tag, an dem sich sein Schicksal entschieden hat, fern von Paris, auf einer traumhaft schönen Insel, die er selbst nur einmal gesehen hat. Als Kind, das sich bei der Abreise an die Röcke seiner Mutter klammert. Neben dem großen Dampfer, auf dessen Oberdeck sie stehen, legt dampfend ein kleiner Kutter an, während weiter vorne am Kai hell gekleidete Kontorsbesitzer mit Baststöcken die Promenade abschreiten. In der Quergasse zur Plaza tönt der Nachhall von Kaffeehausmusik. Der Stehgeiger des „Don Felipe“ tupft sich mit dem Taschentuch die Stirn, in die Buchtung des Flügels gelehnt. Damen nippen ihre geeiste Limonade. Ja, der Wind kommt von See her, er ist kühl und weckt die Lust nach fremden Ländern; seine Mutter denkt jetzt vielleicht an die Gärten von Chantilly oder den Herbst in der Normandie. Von der Planke herab steigt mit federndem Schritt ein Passagier nach dem anderen, und der Kapitän des Kutters blickt kurz auf die Uhr. In zwei Stunden wird er die Rückfahrt antreten. Noch immer schlingt die Musik ihre feinen Wirbel um die auf und ab spazierenden Kaufleute und die Limonade trinkenden Damen, und der letzte Passagier des Kutters blickt suchend um sich. Denn er ist fremd hier. Und jetzt, Jahre später? Die Blüten sind längst von den Zweigen gefallen, und mittlerweile sind auch die Zweige verbrannt. Wie viel Angst kann der Mensch haben, der genau weiß, dass sich um ihn herum nichts mehr regt? Die Faktoreibesitzer aus Europa sind tot, ohne Ausnahme. Halb verschüttet von Himmelsgestein und zähem Brand das Bureau, in dem gestern noch Zucker und Tabak verhandelt wurden, an der Wall Street notiert, sobald sie auf Schiff und Flugzeug verladen waren. Vollständige Vernichtung. Der Vicomte schließt die Augen und schüttelt den Kopf, an das Bild der Zerstörung denkend, das eigentlich unvorstellbar und exotisch anmutet aber durch eine Laune der Natur zu seinem ganz persönlichen Schicksal geworden ist. Der kühle Perlmuttgriff des Revolvers liegt gut in seiner Hand. Die Augen noch immer geschlossen: so horcht Ludovic de Savigny auf das Geräusch des langsam fallenden Frühlingsregens.

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