Sonntagsarabesken #90

Im Bestiarium des Lebens haben fast alle Zustände ihren Platz gefunden; doch die Beschreibungen sind in einem Punkt ungenau: Sie erfassen nur das Offensichtliche, das Plakative, die Symptome, ohne jedoch den verborgenen Ursachen auf den Grund zu gehen. Deshalb ist jede solche Beschreibung ungenau und in letzter Konsequenz sogar unzutreffend. Der Schmerz des Kranken gleicht nicht den Qualen, die den Verliebten befallen, und jeder Verliebte für sich hat wiederum andere Spielarten der selben Folter zu erleiden. Das Bild der unendlich weit ausgebreiteten Meeresfläche mit ihren Schattentälern und weißen Wellenkämmen ist vielleicht geeignet, die Vielfalt der menschlichen Seele und ihrer gegenseitigen Beeinflussungen, Interaktionen und Abhängigkeiten zu illustrieren. Doch erschöpft sich der Ozean nicht allein an seiner Oberfläche. In die Tiefseegräben des Bewußtseins gilt es vorzudringen! – Solches schreibt Etienne Bonnot de Condillac am vierzehnten März des Jahres 1772 in sein Tagebuch. Einen Tag später verbrennt sein Bruder Gabriel in Paris einen Brief Etiennes und vermerkt in seinem Journal: Das sentimentale Geschwätz des großen Logikers ist nicht mehr zu ertragen! Seine Ansichten haben sich ins Lächerliche gewandelt. Hätte er doch mehr von einem Lykurg als von einem liebeskranken Mädchen! – Diese Geringschätzung durch den Verehrer des alten Sparta kann wohl aus dem Inhalt des mit Abscheu vernichteten Briefes erklärt werden. Doch da letzterer nicht mehr greifbar ist, muß dem bemühten Interpreten der umgekehrte Schluß gestattet sein, also die Rekonstruktion des Briefes aus der Reaktion Gabriels heraus (gleichzeitig ist für einen solchen Taschenspielertrick schon im Vorhinein um Verzeihung zu bitten). Was also kann die Tagebuchnotiz Etiennes in Kombination mit der abfälligen Bemerkung seines Bruders über den Inhalt des geheimnisvollen (und leider den Flammen anheimgefallenen) Briefes verraten? Nun, bei aller Vorsicht, es scheint, als wäre Etienne Bonnot de Condillac, der messerscharfe Deduktionskünstler und Meister der Klassifikation, der Michelangelo des Tableaus, Nestor der Grammatik, ehrwürdiges Mitglied der Académie Française, einem unvorhersehbaren äußeren Einfluß verfallen, der das Gebäude seines Denkens so tiefgehend erschüttert hatte, dass sogar sein eigener Bruder diese Transformation mit unverhohlenem Ekel betrachtete. Der Forscher, an das Vordergründige gekettet, dessen schillernde Erscheinungsformen seinem streng disziplinierten Geist keine Ruhe ließen. Der Versuchsleiter, dessen Instrumente mit gepenstischer Regelmäßigkeit versagen. Der Mensch, dessen tägliche Routine ins Wanken geraten ist. Etienne Bonnot de Condillac hat die Kontrolle verloren. Sein Universum hat sich verschoben, durch einen winzig kleinen und doch unfaßbar mächtigen äußeren Einfluß, den er bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht nur am Rande seines lexikalischen Wissens angesiedelt glaubte, der nunmehr jedoch mit umso größerer Wucht und Eindringlichkeit in sein Bewußtsein trat. Zunehmende Manie ist die Folge. Sein Hausarzt verordnet Aderlaß und Luftveränderung. Geschwächt doch ungebrochen krank macht sich de Condillac auf den Weg nach Chantilly. Dort formuliert der Meister der Gemütsbeherrschung am ersten April 1772 in nur mühsam lesbarer Schrift: Der einheitliche Sinn der Wörter löst sich auf, wenn ich das Vibrieren dieser Stimme spüre. Und es scheint keine Substanz mehr zu geben, die sich nicht in pures Feuer verwandelt, wenn meine Verwirrung wiederkehrt. Ich bin gefesselt und befreit zugleich. Denn alle Wahrnehmungen treten hinter die eine zurück. Die Liebe. – Eine Krankheit, von der sich der Schreiber nie mehr erholen sollte.

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