Sonntagsarabesken #92

Überempfindlich ist das Draußen geworden, und mit ihm die Menschen, die es bewohnen. Verbildet von übermäßiger Klugheit, berauscht von den Klängen eines Geistes, der sich in die höheren Lagen der Verfeinerung geflüchtet hat, taumeln sie an der Grenzlinie ihres Lebens entlang, ohne die ständige Gefahr des Sturzes zu spüren, denn sie sind die Kinder des Intellekts. Der Sommerregen kann ihnen nichts anhaben, auch nicht das Schäumen des Wassers über den Kanalgittern und der einfallende warme Wind, dessen Säuseln Unheil verheißt. Die Sprache der Natur ist ihnen fremd, sie wenden sich angeekelt ab, sobald die Bäume zu knospen beginnen oder wenn ein Tier auf der Fahrbahn verendet, das Schöne und das Grausame sind ihnen gleich, denn beide bezeichnen das unverständliche Auf und Ab eines Lebens, das nichts mit den sanften Wellenbewegungen nachdenklicher Ruhe zu tun hat. Die Zivilisation frißt ihre Kinder. Betäubt, in Watte gepackt, an den Rand des Wahrnehmbaren geschoben ist die Wirklichkeit, verborgen unter dem dicht gewebten Tuch von Ereignissen und Erinnerungen, dessen schillernde Oberfläche den Dulder mutlos werden läßt. Tausend Möglichkeiten sind vergangen, während sich jenseits der Oberhaut die Jahreszeiten gewandelt und die Klimazonen verschoben haben. Tausend Gesichter wurden betrachtet und für zu leicht befunden, Millionen Gespräche geführt und vergessen. Die Mehrzahl des Erlebten perlt wie Wasser von der Windschutzscheibe des Lebensfahrzeuges, und den Rest beutelt man am liebsten von sich. Nasser Hund, der sich trocknen will. Das Einfachste, die Liebe, läßt sich jedoch nicht abschütteln. Und trotz raffiniertester Ritualisierung ist ihr nicht beizukommen. Noch immer nicht. Ist sie doch etwas, das dem wilden Rauschen der Natur – dem modernen sensiblen Ästheten verhaßt – sehr nahe kommt. Ein unbeherrschtes, ständig auf Kollisionskurs befindliches Sein, sich selbst überschlagend und bergab rasend, Hals über Kopf das Wesentliche suchend, sich myriadenfach geheimnisvoll verzweigend und dennoch im Grunde von einer göttlichen Schlichtheit, die den kochenden, pulsierenden Wahnsinn unterhalb des Nachdenkens ansiedelt. Liebe, eine Gefahr für den glasklar Kalkulierenden. Liebe, eine Bedrohung für eine ganze Generation, die sich als Schöngeister von mathematischer Präzision versteht. Liebe, die einzige Hoffnung auf Umkehr. Hoffnung darauf, den Verständnispanzer des psychologisierten Säkulums zu zerbrechen und die harmonische Ruhe, das reine Funktionieren der Zeit zu genießen. Wie ein Schritt hin zur Unendlichkeit.

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