Reise nach Hangzhou

Die Abfahrt erfolgt um 8:30 Uhr, nachdem am Vortag lange darüber diskutiert wurde, ob man sie nicht vielleicht um eine halbe Stunde (bzw. eineinhalb Stunden) früher ansetzen sollte. Die Einigung hat sich, dies schon vorweg, nicht als negativ erwiesen: Wir haben die ärgste Hitze beim Mittagessen unter Dach überwunden. Die Gruppe ist müde, aber frohgemut und erwartet Besonderes. Einen Garten sollen wir besichtigen, den See selbst und im Anschluss, auch das wurde gestern ausdiskutiert, einen Seide-Markt. Lucia begleitet uns als Dolmetscherin, alle sind anwesend. Der Busfahrer nimmt sogar, verspätet und im letzten Moment – aber doch, Rücksicht auf plötzlich auftretende dringende Bedürfnisse anwesender Kursteilnehmer. Die Fahrtzeit nach Hangzhou war schon im Vorhinein unberechenbar, letztlich waren es dann eineinhalb Stunden hin und eineinhalb Stunden wieder zurück. 60 Kilometer.

Hangzhou ist eine äußerst lebendige chinesische Großstadt, Hauptstadt der Provinz Zhejiang, bevölkert jedoch vom sowohl chinesischen als auch nicht-chinesischen Tourismus. Wo man nicht hinsieht, kommen einem kleine Touristengrüppchen bishin zu fahnengeführten Touristenkohorten entgegen. Irgendwie erinnert das alles hier an das Treiben vor Schönbrunn…

Der Garten umrundet den West-Lake und setzt sich darauf in Form von Inseln fort. Tausende Menschen sind hier. Japaner, die sich fotografieren lassen, Chinesen, Deutsche, Amerikaner, Engländer, Franzosen, Menschen aus Kanada, aus arabischen Ländern und auffällig viele, die ich als indisch einschätzen würde – der Garten ist Sammelpunkt für Touristen, dennoch nach wie vor sehenswert. Die Gruppe sieht das mit gemischten Gefühlen: Auf der einen Seite hat man das schon geahnt, auf der anderen Seite ist es gerade auch ein gutes Zeichen.

Der See ist zwar bereits im Garten präsent, doch erst eine Bootsfahrt schafft Klarheit über die Besonderheit des Gewässers. Der Ausblick auf Hangzhou in die eine, auf (unberührte) Natur in die andere Richtung beruhigt und die stille Hektik auf dem Boot, das uns von den Gartenanlagen der einen Seite zu den Gartenanlagen der anderen Seite bringt, trägt ihres dazu bei, dass man nicht vergisst, dass man in China ist.

Das Mittagessen war, wie schon das Mittagessen am Tag davor, vom Reiseveranstalter organisiert. Es fand in einer Art Kantine statt und bedarf keines weiteren Kommentars. An dem Tisch, an dem ich saß, wurde fast alles wieder zurückgeschickt: die Meeresfrüchte rochen faulig, das Gemüse war schmutzig und in meinem Reis, normalerweise Garant für die Beseitigung jeglichen Hungergefühls, fand ich Fischgräten. Dass dieser Reiseveranstalter allerdings keine wirklich guten Restaurants in seinem Programm hat, dafür kann die Universität nichts – das habe ich schon mit den hiesigen Verantwortlichen besprochen. Die uns folgende Gruppe sollte diese Probleme nicht mehr haben… Das Abend- und Mittagessen an der Universität selbst, das sei hier erwähnt, hat sich in den letzten Tagen immer mehr vom Guten zum Sehr-Guten gewandelt. Normalerweise waren vier von acht Speisen innert kürzester Zeit aufgegessen, heute waren es sieben!

Ein Tag, der ohne nennenswerte Probleme (Ausnahme: Mittagessen, aber dafür kann die Uni nichts!) anfängt braucht natürlich auch Probleme, die nennenswert sind. Schließlich müssen ja Ying und Yang im Gleichgewicht und wir auf Trab gehalten werden. Bei der Besprechung des Hangzhou-Trips am Vortag habe ich den Verantwortlichen erklärt, dass die Gruppe gerne den Seidenmarkt (die berühmte Seidenstraße in Hangzhou) besuchen will. Man gab mir eindeutig zu verstehen, dass das kein Problem sei. Man wisse, wo diese Straße sei, wir könnten also ohne Schwierigkeiten da hinfahren. Schmeck’s. Der Bus blinkt und biegt in die Einfahrt eines Seidemuseums ab. Raunen der Gruppe. Mehr Raunen. Ich werde in meiner Funktion tätig, interveniere und doch, nach einiger Zeit hat man dann auf chinesischer Seite verstanden, worum es uns geht: Nicht das Interesse für die chinesische Seidekultur leitet uns ins Seidemuseum, sondern der Konsumwille leitet uns in den Seide-Markt! Alles wieder einsteigen, Abfahrt nach Hangzhou-Zentrum, dort zweistündiger Freigang im Seide-Viertel! Einkäufe wurden getätigt, die Gesichter aufgehellt und die Rückfahrt gestaltete sich angenehm müde. Tag Ende.

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