Zwei Sekunden: Ein Fahrrad in China

Der Händler sieht mich skeptisch an, er steigt jedoch auf mein Angebot ein: Das Fahrrad und die Absperrkette um 210 RMB. Er will noch einmal Luft holen, aber ein Blick auf die Uhr, es ist elf Uhr nachts, lässt ihn einwilligen. Ich habe gerade eben ein Fahrrad samt Absperrkette um knappe 21 EUR gekauft. Das Gefühl, in einer fremden Stadt mit dem eigenen Fahrrad unterwegs zu sein, ist ein eigenes, ein gutes Gefühl. Distanzen verändern sich, Wege sind keine mehr. Der Horizont wird erweitert um nicht nur Wohnblöcke, sondern um ganze Landstriche.

In Shaoxing gibt es auf nahezu jeder Straße eigene Fahrradspuren, auf denen es zwar auch, nicht aber so arg zugeht wie auf der Spur für Autos, Busse, etc. Die ersten Blickkontakte mit chinesischen Radlern, Mopedfahrern und Elektro-Bikern sind von Verwunderung geprägt, nach einiger Zeit jedoch werde ich als einer von ihnen akzeptiert und nicht mehr nur Duldung, sondern Neutralität oder gar Freundlichkeit werden mir entgegengebracht. Man nickt mir lächelnd zu und kleine Kinder, die auf den Lenkstangen der Fahrräder ihrer Eltern sitzen, winken, rufen in chenglisch „hallou!“ und kichern vor sich hin.

Die Klingel ist ein essentieller Bestandteil des Fahrrads und das Klingeln ein wichtiges Element der chinesischen Radfahrmentalität. Wer nicht klingelt, wird übersehen — von Autos, Bussen, LKWs, Fußgängern, Polizisten, etc. Klingelt man jedoch einmal, so wirkt es zumindest so, als ob für ein, zwei Sekunden niemand grob seine Spur ändern würde, niemand plötzliche Bewegungen einleitet, alles irgendwie für kurze Zeit berechenbar wird. Zum Überholen, Vorbeifahren oder Abbremsen hat man maximal zwei Sekunden Zeit, bevor der Taumel unüberblickbaren und daher unvorhersehbaren Tuns weitergeht. Zwei Sekunden, in denen sich zwar alles bewegt, aber nichts geschieht. Dann: Ein Taxi hupt, dahinter versucht ein anderes zu überholen während ein LKW die Kreuzung überqueren will; der LKW macht eine Vollbremsung, weil gerade ein Fußgänger nicht rechtzeitig genug aus dem Fahrbereich verschwunden ist, da er von einem Rikschafahrer blockiert wird. Ein Polizist pfeift irgendwo und brüllt anschließend irgendwen an. Die Ampel wechselt auf Rot und die Zähluhr (in Shaoxing weiß man genau, wieviele Sekunden man nun auf einen Farbwechsel der Ampel warten muss) beginnt zu zählen. Sechzehn Sekunden Wartezeit. Normalerweise. Der LKW rollt ganz langsam vor, bis er die querkommenden Autos so sehr aufhällt, dass der Polizist ihn über die Kreuzung lotsen muss. Orangefarbene Fähnchen wehen im Wind und werden von Hilfspolizisten vergeblich dazu benutzt, den Verkehr zu ordnen. Überall wird gehupt, das Geräusch von quietschenden Bremsen dringt an mein Ohr. Die Radfahrer machen sich für die Abfahrt bereit, die Rikschafahrer ebenso. In den Autos links und rechts neben mir heulen die Motoren auf, der LKW hinterlässt eine dichte, schwarze Rußwolke. Ich trete in die Pedale und fahre zur nächsten Kreuzung. Hinter mir klingelt jemand.

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