Sonntagsarabesken #112

Über das Meer hallender Schrei, der sich in den wirbelnden Brandungswellen fängt; so klingt die dunkle Zeit des Jahres, ein häßliches Ersticken des Lebendigen, zischend vergehende Flamme. Das flammend rote Haar der Venus malt blutige Schlieren auf die spiegelglatte See. Die schwarzen Basaltklippen umfangen mit schützendem Arm eine ruhige Bucht, in der das Paar in diamanthellem Sand nebeneinander zu liegen gekommen ist. Die Liebe ist vorüber wie der Sommer. Es gilt, sich zur Heimfahrt zu rüsten. Die Gesichter der Wartenden erheben sich aus dem horizontnahen Dunstschleier und grüßen mit geisterhaftem Lachen. Sie sind zu Hause geblieben, um zu warten. Warten und hoffen. Nichts anderes. Ihre Zeit hat sich auf das Wesentliche reduziert, zusammengezogen zu winzig kleinen, verhärteten Kernen, die das Konzentrat des Erwarteten in sich tragen: Gesichter und Namen und Umarmungen und Erinnerungen. Bitterer Nachgeschmack, der ihnen allen blüht. Ist doch das Bild von morgen nicht mehr von der Reinheit, die es gestern, am Tag der Abreise, scheinbar noch hatte. Die Zurückkehrenden sind aus dem Anziehungsbereich der Heimatgestirne geflohen. Eine unsichtbare Tat begleitet sie. Die beiden Körper rücken näher aneinander. Vor der geschlossenen Front der drohend nahenden Zukunft wollen sie sich verstecken, am besten im Fleisch des anderen, das die Vergangenheit und ihre Tausend Geschichten noch nicht kennt. Und trotz der heraufziehenden Gewitterwolken bleiben sie in ihrer Bucht, unbekümmert und von Glück geschlagen. Die ersten Regentropfen fallen; ein Blitz zuckt aus dem Schwarz der Felsen. Im Rollen der Donnerschläge kriecht sie an seinen Beinen entlang, wälzt sich über seinen Bauch und vergräbt den Kopf an seiner Schulter. Er schmeckt süßes und salziges Wasser, das in breiten Bächen über seine Wangen rinnt. Seine Hand streicht über ihren Rücken. Die Natur hat das Sprechen übernommen. Der Sturm brüllt, und das Meer rauscht zurück. Man kann die Luft nicht mehr atmen. Die Welt ist von einem Augenblick auf den anderen stahlgrau geworden. Zwei Körper liegen im Sand der Bucht. Wasser brandet heran und spült über sie hinweg. Seine Finger an ihren Lippen, ihre Nase in seinem Haar, kalter Schweiß und heiße Tränen. Für die Ewigkeit. Es gibt kein Zurück. Angst sitzt beiden dicht unter der Haut. Gischt dringt ihm in die Augen. Sie spürt seine zuckenden Bewegungen und träumt sich zwischen die Sterne. Zwei Körper. Sand. Die Bucht. Nichts mehr. Im Nirgendwo.

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