Sonntagsarabesken #113

Wintergefühle, die den Sommer einholen. Feine Eiskristalle tanzen im Schein der Straßenbeleuchtung. Wir haben gefunden, was wir immer gebraucht und doch nie erhofft hatten. Wir sind einander in die Arme gefallen, taumelnd, sturmgetragen, kopflos, lustvoll, beschleunigt von der rasenden Kraft einer Liebe, die dem Gefühl im Bauch den höchsten Stellenwert einräumt, ganz gleich, was der entthronte Herrscher einer Alten Welt, der dem Kopf innewohnende Verstand, auch dagegen einzuwenden versucht. Bilder aus Jahren der auseinander strebenden Lebensstränge und übervollen Wahrnehmung kriechen unter die graue Wolkendecke, die eine dem Frost überlassene Stadt überzieht. Jedes einzelne wird in einer anderen Ecke des Geistes abgelegt und mit dem zugehörigen Etikett versehen. Abgeschlossen. Gelebt. Der nasse Asphalt eines römischen Frühlingstages, bevor ich in einen Zug nach Wien gestiegen bin. Ein Duft nach Orangen und wildem Thymian steigt mir in die Nase. Dunkle Gestalten hinter hohen Fensterscheiben. Rubinroter Wein, der in bauchiges Bleikristall flutet. Flammenschein berührt zerklüftete Bergspitzen. Schwarzes und goldenes und rostbraunes Haar. Ein Abhang, breite verlassene Straße, gesäumt von alten Platanen, Sonntagvormittag. Unsichere Schritte auf dem Randstein, die Kante entlang, tanzend und an nur undeutlich mir bewußte Schatten denkend, die lange meine Aufmerksamkeit zu fesseln wußten. Dann wieder entspannt, in der prallen Sonne unterhalb des Obelisken sitzend, das Gesicht der Stadt zugewandt, deren Inneres pulsierend auf mich zukommt. Glitzernde Mosaiksteine türkisblauen Wassers vor dem Kastell, das die Landspitze von Formia krönt. Die nach süßen Äpfeln und Stroh duftende Hügellandschaft, durch die so viele Wege führen, gemeinsam zurückgelegt, unbeschwert, zufrieden und doch nicht glücklich. Fahrten ohne Ziel. Bewegungen ohne Begreifen. Gnade des Moments, der den vorigen abzulösen in der Lage war. Tage der Schwermut, Tage unerfüllter Schwärmerei. Dein Lächeln verdeckt all das. Deine Lippen legen sich zart und Vergessen fordernd über die erknospenden Erinnerungen; ich weiß es ganz genau: nur um Dich zu berühren, nur um Dich zu lieben wurde ich geboren. Dem schwarz glänzenden Spiegel glatter See bist Du entstiegen, zauberhaft und wunderbar, aus Schneegestöber hervortretend, geborgen im Bogen meines Armes, wild die Zeit bekämpfend, stolz das Chaos rund um Dich taxierend. Jeder Windhauch eine Deiner Handbewegungen; jedes Wellenrauschen ein Haar, das über Deine Schläfe gleitet. Der Winter hat wieder begonnen. Unser Winter.

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