Sonntagsarabesken #115

Er will nicht mehr hören, das Geräusch des fallenden Regens durchdringt ihn, das Prasseln der Wassertropfen auf dem winterlich eisbedeckten Dach, von keuchendem Kinderlachen unterlegt; er denkt sich hinaus auf die Weite einer feucht glänzenden Nachtautobahn, deren schartige Haut von den huschenden Lichtern motorisierter Glühwürmchen in unregelmäßigen Abständen erhellt wird. Dort will er bei rasender Geschwindigkeit die Welt an seinen Wangen sich dehnen spüren; er will das Gefühl einer grenzenlosen Entfaltung erleben, zaghafter Feuerglanz zu Beginn, auflodernd zu mächtiger Flamme, die in einer Spirale aus zweisamer Einsamkeit sich selbst zu fressen anschickt. Dazu Musik, das Gehirn betäubend, jeden Gedanken hinausfegend mit herrischer Geste, manche Strophen können mitgesungen werden, das Etwas bleibt draußen, da es vielleicht zwischen die Schläfen, doch mit Sicherheit nicht an die Autoreifen sich zu heften versteht. Es wurde schon am Anfang der Fahrt abgeworfen, blutiges Fetzenbündel, das im Abgasqualm weinend sich zusammenrollt: Den Anschluß versäumt. Das Mitleid hält sich in Grenzen. Derartiger Ausdruck der Humanität käme über Heuchelei sowieso nicht hinaus. Er preßt die Handflächen auf die Ohren. Nichts mehr hören. Die Alpträume verscheuchen. Dem nebelverhangenen Tag keine Chance geben. Unter der naßgeschwitzten Schneedecke fault das letzte Herbstgras; ein todesähnlicher Schlaf, dessen Kern das Grauen ist, verpackt in hundert dünne Schichten, deren zähflüssige Konsistenz die bohrende Neugier am Eindringen hindern. Was wäre gewesen, wenn das Lächeln an jenem Hochsommertag ein wenig intensiver ausgefallen wäre? Was hätte er getan, wäre seine Liebe erwidert worden? Welche Weg hätte er eingeschlagen, welche Bäume umrundet, welches Wasser auf den Lippen gespürt? Nichts mehr hören, nichts mehr wissen, vor allem nicht das unausweichlich traurig Machende, er nimmt es sich vor und drückt seinen Unterarm so fest, dass es ihm das Blut abschnürt. Der Schmerz hat wieder etwas mit Realität zu tun. Für einen kurzen Moment. Unten verschwimmen die Gegenwarten ineinander. Hier oben tobt bloß der Kampf zwischen Bewußtsein und Ohnmacht. Eine vergleichsweise reizlose Konfrontation. Er will nicht mehr hören. Und macht sich Mut. Denn: Hängt erst der Schatten von Müdigkeit in den knochig gespreizten Astgabeln, die das Schwarz vor den Fensterscheiben wie Risse durchziehen, so wird die Ruhe sich wieder auf alles senken. Und die Dämonen vertreiben. Wie ein Schlaflied sagt er es sich vor. Murmelnd die Worte wiederholend, auf ihnen kauend, die Silben zerdehnend. Allmählich wird es ihm gelingen, die Unruhe aus seinem Körper zu drängen, im Sitzen das Gleichgewicht wieder zu finden, dem bedrohlich Wanken seines bleischweren Kopfes entgegen zu steuern. Er wird sich auf den Rücken legen und einschlafen. In einer sanften Bewegung den Kopf zur Seite rollen lassen. Die Augen schließen. Das luftige Schäumen der Traumbilder schmecken. Betäubt. Betört. Glücklich.

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