Sonntagsarabesken #116

Alte Stadt aus Rosenstein. Während hier noch die glitschigen Fäden unterkühlten Lichtes aus den Ritzen grauer Wolkendecke hängen, wirbelt ein Sturm der Bilder den ölig glatten Fluß von unten her auf, und der Schlamm verlorener Tage tritt an die jäh zerknitterte Oberfläche. Das Träumen des Unträumbaren war, so wird dem schockierten Beobachter jetzt schlagartig klar, der einzig richtige Weg. Erlösung liegt nicht in den Schwüren oder in jenen Dingen, die das Gewesene zudecken sollen. Erlösung heißt Eruption. Der Fluß brandet hoch an die Bruchsteinwälle seines Bettes. Wütet tobsüchtig. Durch nichts zu beruhigen. Seinem eigenen Zorn überlassen. Es ist ein Bild der Kraft, das durch seine Sinnlosigkeit besticht. Kadaver treiben auf den steil geknickten Wellenflanken. Tiere und Menschen gleichermaßen. Aufgeschwemmte Gesichter, nur schneeballweiße Flecken im Trubel der Flut, schmutzig das gescheckte Rosa der Leichen, und doch faszinierend, wie sie, kaleidoskopisch verworfen, immer und immer wieder gegen die Brückenpfeiler geschleudert werden. Ameisenhafte Existenz. Das denkt der wie versteinert Stehende. Flüchtiger Sternenglanz, den zwei Augen verströmen, neigt sich trotz seiner Vergänglichkeit in unserem Verständnis der Ewigkeit zu. Wie unberechtigt! Wie hochmütig gegenüber dem Errinerbaren, dem Verdrängten, dem nicht zu Erzählenden, wie anmaßend, eine solche Bevorzugung von Bildern, die in keiner Weise dauerhafter sein werden. Sofern man der Realität ins Auge sieht. Oder die Tiefen des Wassers auszuloten bereit ist. Manchmal, so der Beobachter weiter, ist es nicht einmal nötig, diese Arbeit zu tun. Man braucht nur auf den Sturm zu warten. So steht er da. Dem Tosen der Elemente geöffnet. Und lächelt still in sich hinein.

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