Sonntagsarabesken #118

Er sah es ihrem Gesicht an. Er sah es der Drehung ihrer Schulter an. Er sah und wußte es im selben Moment. Sein Blick schweifte in die Unendlichkeit ab, aus Verzweiflung ziellos geworden, denn wo Worte nichts mehr vermögen sind auch Blicke ihrer Macht beraubt, vor allem, wenn sie unerwidert bleiben. Seine Gedanken begannen bohrend um ein fixes Thema zu kreisen: Warum war sie, der er sich bei weitem nicht mit derartig glühender Liebe gewidmet hatte, nie eifersüchtig gewesen? Und weshalb stürzte sich dieser Schmerz gerade auf sie, die einzige, die er wirklich und aufrichtig und wie einen wunderschönen Lichtstrahl aus schwarzem Winterwolkenkleid liebte und immer lieben würde? Er fühlte ihre Körperwärme an seiner Schulter, nur eine Berührung weit entfernt; und doch, ihre Wange, die den merkwürdig verkniffenen Mund überfing, schien entrückt, blutleer, von marmorner Glätte, unberührbar, aus Zeit und Raum verschoben, dem Betrachter als kühles Mahnmal einer Lichtjahre entfernt tobenden Schlacht entgegen gereckt. Er sprach von einem vergangenen Tag, dessen Schönheit sich damals auf sein Gemüt geschlagen hatte. Doch dann war sie erschienen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und hatte die Zeit an sich gerissen, die Stunden zu Minuten degradiert, seine Seele an der Hand genommen und einen Spaziergang in die Unsterblichkeit begonnen. Deshalb, und aus Tausend anderen Gründen, so sagte er weiter, es förmlich beteuernd, würde er sie lieben. Das Licht tanzte Walzer auf der dünnen Schneedecke vor den hohen Fenstern. Dazwischen zerflockte der Atem der Passanten in kleinen Wölkchen, wie Schafswolle. Das Jahr neigte sich seinem Ende zu. Sie blieb still. Biß sich auf die Unterlippe. Nicht fest, aber stark genug, dass er es sehen konnte. Dann, eine Weile später, kam ein Lächeln, in das Traurigkeit und Enttäuschung gemischt waren. Dann nichts mehr. Er berührte mit einem Finger die Fensterscheibe. Sein Gesicht zerfloß in dem schmutzigen Glas zu einem verzerrten Spiegelbild. Einige hundert Meter weiter stadteinwärts klatschte ein abgestorbenes Rosenblatt auf den schwarzen Lack des Klaviers. Die Natur lag im Sterben. Er hatte Staub geschmeckt, vor einem Jahr, und er würde ihn wieder schmecken, ungesunde Krätze der Stadt, wenn er später an diesem Tag den Weg nach Hause antreten sollte. Auf der Brücke wandte er den Blick nach Westen, schnurgerade dem perlgrauen Schuppenband des Flusses folgend, es aufrollend mit all seinen Verengungen und Eiskrusten, bis er unter den von Grünspan überzogenen Bögen stand. Das Geräusch laufender Füße. Sommerwind wusch ihm den Schnee von den Schuhen. Er hatte die Gegenwart überlistet. Zwischen den Bohlen des Brückensteges blitzten gebräunte Haut und türkisblauer Stoff. Er fühlte, dass ihn seine Augen trogen. Und doch: All das war Wirklichkeit, dieses ganze Geflecht aus Gehörtem, Erlebtem und nie Geschehenem. Es war seine Wirklichkeit. Und deshalb mußte er sich selbst treu bleiben. Er wandte dem Fenster den Rücken zu. Berührte sie leicht an der Schulter. Ihre Blicke kreuzten sich, das erste Mal seit einer halben Ewigkeit. Dann legte er seine Hand in ihre. Sie setzten den Spaziergang fort.

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