Sonntagsarabesken #120

Tanzen auf eisbedecktem Asphalt. Die Schritte beschreiben ein undurchsichtiges Muster, ein Netz, das keinem nachvollziehbaren strukturellen Prinzip zu gehorchen scheint. Schneebrocken im Mantelkragen, geschmolzen in aufgeregter, zarter, ungewisser Liebe, die sich unter dem unbarmherzigen Druck der Zeit in etwas Perfektes verwandelt hatte, makelloser Diamant aus unvollkommenem Kohlenstaub. Schwarze Gesichter blicken gemeinsam zu einer gnädigen gelben Sonne auf. Hände, ineinander verflochten, wollen nicht mehr von einander lassen. Der Wechsel der Jahreszeiten gibt den Rhythmus ihres Atmens vor. Die Wege durch die Stadt werden länger. Unter ihren Tritten vergeht das Eis. Warmer Staub wirbelt unter den Schuhspitzen. Dachfirste schließen sich zu langen rostroten Reihen, Fahrbahnen in die Unendlichkeit, ausgestreckt unter flockig weiß bekleideten blauen Himmelstableaus. Man kann die Strahlen des Lichts verfolgen, es ist noch träge und schläfrig, wie Honig zieht es sich von Fensterscheibe zu Fensterscheibe, reflektiert bernsteindunkel an den Rändern von Brillengläsern entlang, ergießt sich in die Ritzen der Fensterrahmen, unfähig zu entkommen, den Menschen preisgegeben. Laublose Astgabeln schwingen, schwarz geknittert, in lauem Vorfrühlingswind. Die Autos scheinen in Watte gepackt, jedes Geräusch gedämpft. Eine lautlose Musik der Schönheit bedeckt die taghelle Stadt; Tausende Noten, hingekritzelt auf Straßenbelag und Donaupromenade, an die Fassaden der aus Muschelkalk und fossilem Sandstein gebauten Häuser am Graben, die Spitzen der Kirchtürme überziehend, dem Auge eines nicht vorstellbaren Interpreten dargeboten, eines göttlichen Dirigenten, der freilich nie auf der Bildfläche erscheinen würde. Denn in Wahrheit gleicht nichts dort draußen dem gerade geschilderten wunderbaren Eindruck ihrer gemeinsam verbrachten Zeit. Die Außenkanten des Gemäldes sind zerfetzt, häßlich vergilbt, von Feuer geschwärzt. Außerhalb der beiden mühelos durch die Tage gleitenden Körper tobt ein wütender Frieden. Die Einzelteile der Gesellschaft haben sich in verbissener Freundschaft gegeneinander verschworen. Das Gemisch ist hoch explosiv, doch davon ist in den sauerstoffarmen Höhen der Liebe nichts zu spüren; auch der Rauch glosender Brandnester dringt nicht bis ganz nach oben. Doch dieser kurze Seitenblick auf die sogenannte Realität bestärkt die Liebenden nur noch mehr in ihrer Gewißheit, das Richtige zu tun. Und so werden sie weiter auf dem Eis tanzen und das Ergrünen des städtischen Riesen begleiten, sich gegenseitig wärmen und den Schlaf des jeweils anderen bewachen. Bis sich die Erinnerung in der Ewigkeit verliert.

Wo niemand klickt