Sonntagsarabesken #122

Ich habe einen Gedanken, der ganz mir gehört. Die roten Lampions schwingen aufgeregt in spätwinterlichem Sturm. Auf der Brücke ist es eisig kalt. Blauer Rauch schraubt sich aus hohen Schlot in schräg gewundener Säule in den Nachthimmel. Schwarzes Irgendwas, mit wenigen Sternen bestickt, zerfurcht von den hektisch fliehenden Lichtern der Stadt, rot und gelb und grün, die Tageszeit betrügend, Helligkeit vortäuschend. Vielleicht Betrug an der Natur, denke ich müde, den Blick schweifen lassend. Eine andere Brücke, ein anderes Paar Augen. Kornblumenblau, mit einem salzigen Meereshauch belegt, Augenwinkel, in denen noch heller Sand klebt. Die Schritte sind unüberhörbar, ebenso wie das Lachen. Staub wirbelt hoch, Autos rasen vorbei. Ich ziehe meinen Mantel fester um mich. Die Geräusche dieser Nacht wirken bedrohlich. Der nasse Asphalt umfließt schwarz glänzend meine hastenden Füße, seine scheinbar feste Substanz schließt sich um meine Knöchel, nach ihnen greifend, mit schmatzendem Geräusch sich an den Hosenstoff heftend, und nur unter Mühsal gelingt es, den Angriff abzuwehren, in den nächsten Hauseingang zu laufen. Mein Atem geht schwer. Die Zeit hat sich rückwärts gewandt, frißt ihre Kinder, trachtet danach, sich selbst auszulöschen, als habe ihr jemand das Ziel geraubt. Verlust und Trauer umklammern einander, unentwirrbar verstrickt, von Kraft und Trotz durchwirkt. Ich, ein begossener Pudel mit erfrorenen Fingerspitzen, denke an die klatschmohnroten Flecken der baumelnden Lampions, an das freundliche Lachen des Blumenverkäufers, an die Brücke, das Kleid, die andere und ewig ferne Stunde, den Fliederduft, der die Rückseite der Parkbank streichelt, das hochgesteckte dunkle Haar und von Schatten gemustertes Rückgrat. Die Gesichtslinien verschwimmen im Treiben der Schneeflocken. Die Wangen sind überzogen von Eiskristallen, wie allzu rasch getautes Fleisch, rauh gespickt mit silbrig weißen Körnern, in den Mundwinkeln hellrosa, vollgesogen mit jungem Blut. Ein hell erleuchtetes Vergnügungsschiff treibt den Fluß hinab. Gegen den starken Wind hört man Fetzen von Gelächter und Musik. Das seltsame Echo von Glück. Aus einer fremden Kehle. Zurückgeworfen von einer fremden Felswand. Es hat nichts mit mir zu tun. Gar nichts. Doch das stört mich nicht. Denn ich habe einen Gedanken, der ganz mir gehört.

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