Offener Brief an einen Kollegen

Erklärung: Ein Kollege hat in einem Rundmail an alle Mitarbeiter darum gebeten, sich nicht in seine privaten Angelegenheiten zu mischen. Hier nun meine Antwort an ihn.

Lieber Kollege!

Ich komme deinem Wunsch gerne nach und werde mich in Zukunft nicht mehr um deine Privatangelegenheiten kümmern außer den paar Small-Talk-Floskeln, die ich mit jedem wechsle, der mich nicht interessiert. Ich werde mich nicht nach deinem Gemütszustand erkundigen und werde nicht nach allfälligen Beziehungskisten und ähnlichen Abenteuern fragen, es sei denn, wir sind gemeinsam und freundschaftlich, aber nicht arbeitend unterwegs; so war es mir stets ein Volksfest mit dir Essen zu gehen oder einfach an einem Big Mac kauend über Gott und die Welt zu reden. Aber, wie gesagt, in der Arbeit werde ich das nicht mehr tun.

Aber da kommt es mir gerade! Habe ich das eigentlich jemals getan? Habe ich dich eigentlich jemals gefragt, was da los ist mit dir und ihr? Hab ich dich nach deinen Golferlebnissen gefragt? Hab ich dich danach gefragt, wie einzigartig doch deine Bibliothek ist? Hab ich dich danach gefragt, wie du zuhause deine Speisen verfeinerst? Hab ich dich danach gefragt, wie viele DVDs oder Videos du zuhause hast? Hab ich dich danach gefragt, welches Foto dir in deiner Sammlung auf flickr am besten gefällt? Hab ich dich nach deinen Cousinen gefragt? Hab ich dich in deiner Privatsphäre gestört, als ich bei einem für uns beide ausgemachten Treffen die Deinige problemlos akzeptiert habe? Hab ich dich gefragt, was du in Griechenland gemacht hast? Hab ich dich gefragt, nach dem, dem und dem? Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe dich niemals gefragt. Du hast davon berichtet!

Vielleicht wäre es besser, lieber Kollege, vor dem Verfassen einer solchen E-Mail, die definitiv nicht an die lieben Kollegen, wie du sie nennst, sondern an irgendwelche Fremden gerichtet oder im Ton vollkommen falsch getroffen war, einmal darüber nachzudenken, wer denn eigentlich für die Informationsflut zu besagtem Thema verantwortlich ist! Ich habe mich nicht gefragt, ob, wie und warum es passt oder nicht! Ich habe mich nicht gefragt, wie sie denn sei, deine Neue, und so weiter. Es ist schon eigenartig, wenn man eine extrovertierte Persönlichkeit ist, die dann plötzlich ihre introvertierten Züge entdeckt.

Gefühle hin und her, man muss selbst an seinem Glück arbeiten, man muss sehen, wie man den lauten Willen zu prahlen mit der leisen Stimme im Inneren unter einen Hut bringen kann. Man muss wissen, wie man Persönliches, das bereits den Kern des eigenen Ich berührt, präsentiert oder ob man dieses Persönliche überhaupt präsentieren will. Kurzum, lieber Kollege, man muss wissen, wann man den Mund halten soll! Und genau da liegt das Problem!

Du hast dich in den letzten Jahren vom Kollegen, der gerne mal Dinge länger ausführt zu jemandem entwickelt, vor dem man sich mit Anbeginn des ersten Wortes eines Satzes fürchtet, weil man weiß, dass es lange – sehr lange – dauern wird, bis dieser Redezwang oder wie auch immer man das nennen mag, vorbei ist. Und was man da erfährt, ist meist von solch belangloser Natur, dass es kaum auszuhalten ist, zuzuhören! Sprich pointierter, thematisch passender, und bitte erkläre nicht jedem Menschen – sogar Fremden – wie toll du bist, weil… und wie einzigartig, weil… und um wieviel dieses und jenes besser ist als… und es interessiert auch niemanden, ja eigentlich ist es jedem egal, ob du nun schon da und dort warst, dieses und jenes gesehen hast oder aber nicht! Es ist jedem völlig egal!

Warum beteiligst du dich nicht an Gesprächen, sondern lenkst sie stets auf dich? Warum redest du nicht einfach mit und nimmst etwas ganz Natürliches in Kauf, nämlich, dass du einfach nicht immer die Nr. 1 sein kannst? Warum akzeptierst du nicht endlich, dass es Menschen gibt, die gewisse Dinge besser können als du und versuchst, sie in dein Leben einzubinden und nicht, ihnen klarzumachen, dass sie dir entweder folgen können oder sich vertschüssen? Menschen haben ihre Stärken und ihre Schwächen. Zu deinen Schwächen zählt definitiv nicht an ihre Stärken zu glauben!

Also, lieber Kollege, treffen wir einen Deal: Du steigst von deinem klapprigen, nur noch durch Märchen aufrecht gehaltenen Ross herunter, wirst ein normaler Mensch, dessen Leistungen die der anderen normalen Menschen nicht übertreffen und siehst ein, dass auch du Fehler machen kannst – und zwar nicht nur im emotionalen, sondern auch im ganz normalen Leben. Du gibst hin und wieder Interessensbekundungen von dir, wenn andere gute Ergebnisse leisten und du nervst nicht mit der für dich mittlerweile spezifischen Art, für aber auch alles noch einen Superlativ zu haben. Dafür werden wir das geistige Verdrehen der Augen unterlassen und uns dir als Mensch und nicht deinen großen Taten widmen. Wir werden dir mehr zuhören und wir werden dich auch nicht hänseln mit Problemen, die du dann ja haben wirst können, weil ein richtiger Mensch – und nicht dieses konstruierte Kunstwesen, das auf alles eine Antwort hat – eben Probleme hat, die man verstehen kann und dementsprechend mit Respekt behandelt.

Denn ein Mensch – und nicht ein Superlativ – genießt Vertraulichkeit in gewissen Themen.

Hoffend,
M.