Letztlich waren alle Füße gleich…

Gestern wurde mir eine besondere Ehre zuteil: Ich durfte meinen chinesischen Konterpart den halben Nachmittag und am Abend begleiten. Er sah es als Einladung, doch wenn man in dieser Zeit dauerhaft arbeitet, dann wird aus einer Einladung schnell ein Begleiten. Naja, was auch immer. Mir wurden drei Segnungen menschlichen Daseins in chinesischer Reinform nähergebracht: Tee, Fußmassage und Abendessen.

Das Teehaus war Segnung Nummer 1. Erstens hatte ich Durst, zweitens lag es in einer etwas ruhigeren Gegend, ein wenig außerhalb der Stadt oder zumindest am Stadtrand oder wenigstens in einem Viertel, das den Eindruck machte… Es war auf jeden Fall ruhiger als sonstwo. Mein Durst führte zur Konsumation von etwa zwei Litern Grüntee in kürzester Zeit. Mein kultureller Supervisor versuchte aus diesem Durst ein wenig Kulturbildung zu machen und behandelte ihn mit Grüntee aus allen nur erdenklichen Provinzen Chinas. Ein Hochgenuss und absolut zu empfehlen.

Nach einem dringlichen Besuch in der Halle der Inneren Harmonie fuhren wir zum angeblich besten Fußmassage-Tempel der Stadt, was sich nicht nur als „angeblich“, sondern aufgrund der davor parkenden Autos und der darin arbeitenden Masseure und Masseusen als „tatsächlich“ herausstellte. Es war nicht einer dieser Massage-Tempel, dessen Personal den Erfolg der Massage in Millilitern messen kann, sondern ein gepflegter Hort traditioneller Massagetechniken, den man zwar mit leichten Schmerzen verlässt, dessen Erfolg aber in den nächsten Tagen anhaltend gemessen werden kann.

Wir wurden in einen reichlich dekorierten Raum geführt, der mich stark an ein zu groß geratenes Zimmer eines Teehauses erinnerte, dennoch gut klimatisiert und mit einem Flat-TV ausgestattet war. Auch dies eine Segnung moderner Zeiten. Waren die Masseure und Masseusen früher auch in kunstvoller (!) Gesprächsführung ausgebildet, um den Gästen unterhaltend die Füße massieren zu können, so konnten sie jetzt zwar sprechen, die Themevorgaben lieferte aber CCTV 9.

Achtzig Minuten Fußmassage pur hinterlassen ihre Auswirkungen und man wird, ob man es glauben möchte oder nicht, hungrig davon. Mein Host führte mich ins Dio Coffee aus, wo seine Freundin mit seinem Notebook am Lan-Kabel auf ihn wartete. Wir wurden vorgestellt, sie schüttelte mir lächelnd die Hand und sah ihn ein wenig verstört an. Es sollte sich herausstellen, dass sie seinen Messenger benutzt hatte und offenbar mit anderen weiblichen Online-Bekanntschaften seinerseits gechattet hatte. Kurzum, ich war mitten in eine Beziehungskrise geraten, der allerdings wiederum nicht gewisse pikante Untertöne fehlten, weil die beiden ihren Streit erstens aus Höflichkeit in englischer Sprache durchzogen, zweitens er in männlicher Brüderlichkeit mich immer wieder hilfesuchend ansah und drittens, weil die lächerlichen Probleme, mit denen ich da plötzlich konfrontiert war, so dermaßen menschlich waren, dass es schon fast wieder schmerzte.

Sollte ich also in einem Absatz zusammenfassen, was ich an diesem Abend gelernt habe, so könnte ich folgendes anführen: Chinesischer Tee kann was, die Fußmassage, sofern im richtigen Salon, auch. Das Essen im Dio ist gut und Beziehungskisten in China sind denn in Europa und anderen Teilen der Welt nicht nur ähnlich, sie bestehen quasi aus dem gleichen Material.

Sollte ich in einem einzigen Satz zusammenfassen, was ich an diesem Abend gelernt habe, dann kann ich nur meine Masseurin zitieren, die da auf meine Frage hin, ob sie irgendwelche Unterschiede zwischen Asiaten, Menschen aus dem Westen und anderen Gruppen an den Füßen spürte, antwortete: Egal, was da vor ihr im Lehnstuhl gelegen ist, letztlich waren alle Füße gleich.