Sonntagsarabesken #134

Liebe. Bis in die entlegensten Winkel und Schluchten, an die entferntesten Strände und Bergflanken dringend, den Raum um und zwischen uns vollständig füllend. Das wunderbarste und ergreifendste Gefühl, das ich je hatte, durch Deine Abwesenheit aus dem ewigen Fluß der Zeit herausgeschnitten. Die Tage ohne Dich wollen nicht vergehen. Ohne Dich stocken die Stunden, bewegt sich mein Leben nur knapp über Grund, eine sinnlose Aneinanderreihung gleichförmiger Ereignisse und der Träume beraubten Schlafes. Ich habe begonnen, eine Geschichte zu erzählen, an Deiner Schulter, eines kalten Wintertages, schwimmend in rotem Meer, von warmen Wellen nach Goa getragen, über die eisigen Dächer des neunten Bezirks gespült. Ich habe begonnen, Dich zu lieben, viel früher freilich, doch mit der immer stärker werdenden Wirkung eines subkutan verabreichten Giftes, unter dessen Einfluß meine bis dahin gelebte Zeit als unvollständiges Mosaik verzweifelter Waffenstillstände und schwärmerischen Unvermögens erscheinen mußte. Ein anderer Tag, ein anderer magischer Moment: Auf dem Weg zu Dir, bei Formia, halte ich in engen Zeilen hastig die Essenz meiner Vorfreude fest; eine Stunde später, an dampfenden Waggons vorbeieilend, schweißüberströmt in glühender Hitze, den goldenen Fleck Deines Haares in der Menschenmenge erkennend, fühle ich mich tatsächlich, im besten Sinne, angekommen. Bei Dir, vor Deinen Augen, unter Deinen Händen, an Deiner Schulter, Deinen Lippen. Das Licht streicht um Deine Wangen. Du lachst, lachst aus ganzem Herzen. Unsere Finger berühren sich, ungestüm, von Wochen des Wartens elektrisch aufgeladen. Die Stadt schließt sich um uns, brandet an die Grenzen unserer so selbstverständlichen, zum Überleben unbedingt notwendigen, zum Glücklichsein unabdingbaren Zweisamkeit. Jetzt, ein Jahr später, atmen wir nach wie vor im selben Takt. Bei Dunkelheit erwachend denke ich an Dich, spreche Worte in die Leere neben mir, während die Morgendämmerung heraufzieht. Meine Hand streicht durch die Luft, auf der Suche nach Dir. Da ist nichts. Nicht warm oder blutdurchpulst, nicht nahe an meinem Rücken oder dicht unter meinem Kinn. Und doch spüre ich Dich. Ziehe die Konturen Deiner Stirn mit dem Zeigefinger nach, in Sternenstaub getaucht, höre die Wellen rauschen, spüre den kristallenen Sand zwischen meinen Zehen, bin glücklich. Denn ich weiß, daß Du bei mir bist. Immer.

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