Sonntagsarabesken #137

Das Schiff, ein schwarzer Punkt am Horizont. Es trägt Dich fort von mir. Die Sonne wärmt Deine Schultern, während Du am Heck stehend meine Gestalt aus dem Blick schon seit einiger Zeit aus dem Blick verloren hast. Kühler Wind läßt mich frösteln. Viel wurde geschrieben, gesagt und gedacht über die grausame, zersetzende Macht von Entfernungen. Menschen, die sich von einander entfernen, scheinen schwächer zu werden, mit jedem Kilometer verblaßt der Andere in unserer Vorstellung, die Distanzen schieben sich zwischen uns und verstellen die direkte Sicht. Ich wende mich langsam ab. Die Wellen schlagen stetig gegen den Beton der Kaimauer. Ich höre Deine Worte, Deine beruhigend geflüsterten Liebesschwüre, ich sehe uns im Halbdunkel der Wohnung, bei gedämpftem Licht, das samtrote Glühen an den Wänden, ich fühle Zufriedenheit und Glück, versuche, soviel wie möglich von diesem Eindruck zu bewahren, aufzusparen. Die Zeiten werden härter. Soviel steht fest. Jedes Gramm Erinnerung wird zählen. Wie ein Ertrinkender klammere ich mich mit wachsender Panik an die letzte Planke, die mir bleibt, von den Gezeiten brutal hin und her geworfen. Die Küstenlinie ist von Wolken verhangen. Das Wetter schlägt um. Du beschließt, unter Deck zu gehen. Die Ahnung meiner Anwesenheit ist hinter den schwarzen Basaltklippen begraben. Schon beginnt das Gefühl der Trauer zu bröckeln; Du sagst Dir: man muß nach vorne schauen! Wie recht Du doch hast. Aber wenn ich das gar nicht will? Wenn ich immer an Dich denken, nach Dir hungern, mich zu Dir sehnen muß? Die Rosen blühen das letzte Mal in diesem Jahr. Der erste Herbst seit langer Zeit, den ich wieder zuhause verbringe. Ohne Dich. In einem Zustand gleichgültiger Existenz, in der ein nichtssagender Tag, angefüllt mit unnötigen Gesprächen und durchsichtigen Menschen, den anderen jagt. Nachrichten, die mein Leben früher aufgewühlt hätten, nötigen mir nicht einmal mehr ein dünnes Lächeln ab. Der Bann ist gebrochen, die Verwunschene wieder zurückgekehrt, die im Angesicht längst verwelkter purpurroter Blütenpracht gemachten Versprechungen könnten Wirklichkeit werden; doch dieser Zweig meiner Erinnerung ist verkümmert, fast abgestorben, geschwunden auch die Anteilnahme, die Liebe, die ich einst für übermächtig hielt. Stattdessen glaube ich, Deine Hüfte unter meiner Hand zu spüren, während die florentinische Sonne Dein Haar erglühen läßt, meine Wange an Deine Schläfe gelegt, den Geruch der Stadt und der Pinien von San Miniato atmend. Ich bin in einer erkalteten Hölle erwacht. Und vermisse Dich. Doch das Schiff ist bereits vom Horizont verschwunden.

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