Sonntagsarabesken #138

Er hatte das gute Gefühl, nichts sei unerledigt geblieben. Die Fenster waren gegen den drohenden Regen geschlossen, die Vase mit den dreizehn Rosen auf den Tisch gestellt, die Frau zum Abschied geküßt und die Türe doppelt versperrt worden. Auf der Schwelle hatte er sich noch einmal umgewandt, einen kurzen Blick in den Spiegel geworfen und wohlwollend genickt. Dann hinaus auf die Straße. Der Tag berührte ihn mit kalten Fingerspitzen. Er spürte ein Frösteln auf seinen Wangen. Unvorhersehbar, eigentlich völlig unmöglich. Der Schatten einer eisbedeckten schwarzen Marmorplatte streifte seine in Verwirrung geratenden Gedanken; der Hauch eines knisternden Blütenblattes; eine dunkelrote, erstorbene Rose, deren Schwäche es zu Boden gleiten läßt. Blicke, die ihn aus dem Nebel der Vergangenheit anzufallen drohen, die ihn streifen wie tödliche Geschosse, gehüllt in das Samtblau unschuldig verletzten Gewissens. Weiter, sagte er sich, weiter! Doch schon nach wenigen Schritten hüllte ihn die Kälte zur Gänze ein. Seine Finger wollten sich nicht von dem schmiedeeisernen Gitter lösen, das sie vor Jahren krampfhaft umschlossen hatten. Vor ihm der Kiesweg, von Schnee überglänzt, Leichentuch, das unter den ersten schüchternen Sonnenstrahlen dahinschmelzen würde, genau wie die von zwei Stimmen in den rauen Wind geflüsterten Worte. Ein endgültiger Tag. Tagt der Rache Tag den Sünden. Alles ans Licht gezerrt, die schlecht verborgenen Geheimnisse gelüftet, das jämmerliche Gerippe seiner Existenz enthüllt. Er rang nach Atem. An der Ecke mußte er innehalten, sich gegen die Fassade lehnend, den Hemdkragen öffnend. In der wohl verschlossenen Wohnung, zwei Stockwerke über ihm, ordneten blütenweiße Finger die durchsichtigen Vorhänge. Sie wußte es. Sie wartete. Ihre Stunde würde kommen. Mit letzter Kraft schleppte er sich in einen Hauseingang. Verzeihung. Gnade. Verständnis. Nichts war mehr zu erhoffen. Die Gewißheit legte sich mit kalter Hand um sein Herz. Er hatte alles verspielt. Mit geschlossenen Augen lauschte er den Geräuschen des vorüber rauschenden Verkehrs. Das Ende war da. Sie hob den Kopf von den Rosenblüten, an denen sie gerade gerochen hatte, als das Klirren des Schlüssels im Türschloß laut wurde. Mit einem sanften Lächeln nahm sie ihm den Mantel ab. Er war totenbleich. Sie küßte ihn auf die Stirn und wartete. Es waren die längsten Sekunden seines Lebens. Dann begann er zu sprechen, so als ob nie zuvor Worte seine Lippen verlassen hätten. Tief in seinem Kopf hörte er sich selbst, wie in einer großen Muschel, zu ihr redend. Sie streichelte geistesabwesend seinen Nacken und sagte überhaupt nichts. Die Antwort war längst gegeben.

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