Sonntagsarabesken #139

Es ist genug. Genug der unbegründeten Ängste, der unnötigen Gespräche und der unergründlichen Gedanken. Kälte kriecht hier durch alle Ritzen. Winter. Die Worte erfrieren, werden unterdrückt, hinuntergeschluckt, erreichen nicht einmal die Lippen des Sprechers. Es gibt ohnehin niemanden, der sie hören könnte. Zeit, sich aus dem Hier fortzudenken, den Strudel der Zeit zu verlassen, den Standort zu wechseln, die Wärme Deines Körpers heraufzubeschwören. Abendstimmung. Durch den feinen Kies des Strandes schäumt warmes Wasser. Zwei Gestalten umarmen sich im wilden Feuerglanz sinkender Sonne, die sich über zart gefältelte Wellenspitzen ergießt, während in ihrem Rücken der Vollmond als silberne Scheibe in violettblauen Himmel steigt. Diese Augenblicke sind einzigartig. In ihrer Schönheit und Vollkommenheit. In ihrem unaufgeregtem Rhythmus, der sich den ruhigen Atemzügen anzugleichen pflegt. Alles ausgelöscht unter Deinen Blicken und neu geboren, alle Sorgen hinfortgespült durch Deine Stimme, an einen fernen Ort getragen und dort bestattet. Wir bewegen uns nicht. Die Augen auf das Glühen hinter dem Küstengebirge gerichtet. Es fällt kein Wort. Unsere Gedanken ineinander verknotet. Eine Ahnung von Unendlichkeit. Ein Hauch des Göttlichen. Ich liebe Dich so sehr, in allen Augenblicken, allen dicht verästelten Haupt- und Nebenstraßen meines Seins, ich liebe und brauche Dich so sehr, dass ich ohne Dich weder aufrichtig lachen noch ruhig schlafen kann. Dieser Zustand ist Qual und Segen in einem, solange Du fern bist. Mit Worten läßt er sich nur ungenügend beschreiben, bleiben sie doch im Grunde immer hohl, unscharf, an der Oberfläche der Dinge und Gefühle entlang gleitend, das Gewesene und Seiende umgarnend, auf der Suche nach einem Kern, der die Bezeichnung „Wahrheit“ für sich in Anspruch nehmen darf. Trotzdem kann ich nicht aufhören, das Geschehen zu kommentieren, die filigranen Schrecknisse der Tage ohne Dich zu verweben mit den kostbaren Szenen, in denen wir miteinander geredet, gelacht, uns geküßt und geliebt haben. Denn sonst bliebe ein Tag so grau und kalt wie der nächste, eine Stunde würde inhaltslos in die andere hinüberfließen und mein Ich wäre nur noch zur Hälfte mit Licht gefüllt. Gegen diesen Zustand des toten Lebens heißt es anschreiben. Das will ich tun.

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