Social Web auf Ö1

Habe gerade auf Ö1 eine Sendung gehört, bei der es unter dem Titel Wir sind das Netz! um ein paar der unter dem Begriff „Social Web“ subsumierten Services und um die Ideengebäude, sowie um diverse neue Rechtsmodelle für Internetwerke ging. Wen eine kurze Zusammenfassung interessiert, der soll einfach weiterlesen, wer sie überspringen und gleich zu meinen gedanklichen Ergüssen weiterspringen will, der kann dies hier tun.

Die Sendung

Resultate des über das Internet Denkens und Schreibens entzweien die Menschheit in die Gruppe von Menschen, die mit dem weitverbreiteten Internet bereits aufgewachsen ist und in die Gruppe von Menschen, die erst nach einiger Zeit mit dem Internet konfrontiert wurde. Die einen sehen das Internet und dessen eigenständige Kultur als etwas Natürliches, zu ihrem Leben Gehörendes an, wohingegen die anderen sie stets als fremd betrachten und bezeichnen. Diese grundlegende Unterscheidung der Denkweisen treibt ihre Blüten in weiterführenden Diskussionen, die mit der Wahrnehmung von gut und schlecht, mit der Bewertung und Beurteilung und mit Maßstäben zu tun haben, von denen man kaum gedacht hat, dass sie dermaßen verändert werden könnten.

MySpace

Der Internetservice MySpace wurde als Beispiel herangezogen. War MySpace anfangs ein von zwei Musikern programmiertes System zur Bewerbung der eigenen Alben, ein Platz für Aufsteiger in der lokalen Musikgruppenszene, ein Platz für Fans, die den Aufstieg der Band mitverfolgen wollten und ein Platz für Werbung, die man bei angekündigten Konzerten machen konnte, so präsentiert sich MySpace heute als Internetdienst mit knappen 120 Millionen Benutzern, die allesamt gleichgestellt ihren Interessen nachgehen. Madonna hat die gleichen Möglichkeiten auf MySpace wie ein 15-jähriger Grazer. Soetwas wie Prominenz gibt es nicht.

Individualität

Überhaupt gibt es auf solchen Seiten keinerlei Einwände und Vorgaben: Was ein guter Text ist, bestimmen diejenigen, die ihn lesen im Moment des Lesens, was gute Musik oder gute Comedy ist, bleibt dem Individuum vorbehalten. Die Nutzer entscheiden selbst, was ihnen gefällt oder nicht, und werden dabei nicht bevormundet, sondern nur von einem Service unterstützt, der es ihnen ermöglicht eben jene Inhalt aufzufinden. Nurmehr die Hilfeleistung des Findens von Inhalten macht ein Unternehmen wie MySpace attraktiv, nicht die vorgefertigte Auswahl bereits Gefundenen.

Auch die Aufmachung und das Design verschiedener MySpace-Profile (das sind kleine Blogs und persönliche Seiten) lassen sich selbst gestalten, wodurch beispielsweise Teenager nicht nur dazu animiert werden, dies zu tun, sondern sich auch gar nicht erst eingeschränkt sehen: Darf die Fünfzehnjährige zuhause ihre knalligen Poster doch erst wieder nur in ihrem Zimmer aufhängen, damit der Rest des Hauses verschont bleibt, kann sie hier im Internet ihre persönliche Note völlig publik machen und darauf sogar Feedback in Form von Kommentaren anderer User erhalten.

Diese Kommentare sind die neue Form von E-Mails mit sozialem Mehrwert. Einerseits sind sie in gewisser Weise für auch Nichtbetroffene lehrreich, denn sie wissen ohne jemals gefragt zu haben, sofort über bestimmte Dinge und Meinungen bescheid, andererseits kann man anhand der Anzahl von Kommentaren auch erkennen, wie beliebt eine Person ist, wobei sich beliebt hier auf den Content, den die Person schafft, bezieht.

Creative Commons-Lizenzen

MySpace war, wie schon erwähnt, ein Karrieresprungbrett für Musiker, die mit ihrer Musikindustrie andauernd zu kämpfen hatten. Napster zwang in den Neunzigern Musiklabels dazu, umzudenken und über DRM (Digitales Rechtemanagement) nachzudenken, das, nur so nebenbei, gestern wieder aufgegeben wurde. Musik gleich online, ausgestattet mit einer Creative Commons License, das sollte die neue Form des Angebots sein.

Diese Form der Lizenzierung beschränkt die Rechteverwaltung auf einige Rechte und weitet sie nicht pauschal auf alle aus. So können beispielsweise Rechte bei nicht kommerzieller Verwertung des Inhalts gratis weitergegeben werden, bei kommerziellem Gebrauch hingegen wird Geld verlangt. Die Creative Commons License wurde auf mehrere Rechtssysteme angepasst, auch für das österreichische. Gegründet und prolongiert wurde das vereinfachte System durch einen Professor der Stanford Law School, der das Problem der rechtlichen Einschränkung an sich offen verfügbaren Materials besonders bei der Verarbeitung desselben sah: Wenn ein Schulkind drei Bücher liest und eine Zusammenfassung schreibt, dann sieht das alle Welt als intellektuelle Leistung an, die dem Kind etwas bringt, machtes dasselbe allerdings mit drei Musikstücken und schafft etwas Neues, dann ist dass eine dreifach Verletzung irgendwelcher Rechte, die den Gebrauch diese Medien einschränken.

Digitaler Analphabetismus und Couchpotatoes

Er meint, dass diese Rechtsmodelle Menschen zu digitalen Analphabeten machen. Alphabetismus ist im 21. Jahrhundert eine Medienalphabetismus, der eine Person nicht nur dann zum Analphabeten macht, wenn sie nicht Lesen oder Schreiben kann, sondern auch, wenn sie nicht weiß, wie und womit man Töne verändern, Videos manipulieren oder Bilder bearbeiten kann. Die Schuld daran liegt aber eben bei den restriktiven Rechtsmodellen, die nachwievor versuchen, Menschen in die Couchpotatoe-Kultur zu zwingen, obwohl sie wesentlich mehr Freude an einem aktiven und partizipativen Dasein finden würden.

Die Kultur des 21. Jahrhunderts ist eine aktive Kultur. Wenn Medien im Internet so präsentiert werden, dass sie zur Weiterverarbeitung animieren, dann soll man das auch so machen können und hier muss sich das Recht auf genau diese Gegebenheit anpassen und nicht umgekehrt. Das Beispiel Radiosendung wurde hier gebracht: Traditionelle Broadcaster haben das Ziel der Maximierung von Quoten. Man will genau kontrollieren, welches Programm die Zuhörer vorgesetzt bekommen, damit man aufgrund dessen die Quoten steigern kann. Die neue Kultur hebelt allerdings diese Kontrolle aus, denn man will den Inhalt selbst kontrollieren und nur die Mittel dazu in die Hand gelegt bekommen._

Ö1, Social Webs und Web 2.0

Welcher Sender, wenn nicht Ö1 berichtet über Dinge, über die Ö3 oder FM4 berichten sollten. Vor allem schön fand ich, wie auf Ö1 betont wurde, dass die eigene qualitative Auswahl von Inhalten, egal nun, ob Text, Bilder oder Musik und Videos das Merkmal einer neuen Netzkultur sind. Der User bestimmt die Gewichtung der Inhalte, nicht der Publisher! Und je mehr Einfluss der User hat, desto besser gefällt es ihm. Nun frage ich mich, ob nicht auch, in Analogie dazu, der Erfolg des Senders 88.6 erklärbar ist: Hier wird vom Moderator selbst, sofern ich das Konzept richtig verstanden habe, die Musik je nach Lust und Laune ausgewählt. Im Gegensatz zu Ö3, bei dem die Hits nach Gewichtung von einem Computerprogramm ausgesucht werden, wird bei 88.6 von Hand gemixt. Da kann es dann schon sein, dass man um sechs Uhr morgens Metallica hört, aber auch das kann reizvoll sein. Besonders interessant finde ich, dass der Computer von Ö3 bei Regenwetter häufiger Happy-Sound-Musik spielt als bei gutem Wetter. Aber vielleicht ist das auch nur eine Verschwörungstheorie. Ö3-Spezialisten gibt’s ja in meinem werten Blogumfeld, vielleicht können die ja was dazu sagen. Aber nun wieder zurück zu Ö1.

Ö1 berichtet in einer knappen halben Stunde in einer Teilsendung (derer gibt es nämlich drei) über ein Phänomen, das vornehmlich Menschen unter 35 beschäftigt. Die Grenze traut sich nichteinmal die Moderatorin definitiv zu setzen, obwohl aus ihren Kommentaren und aus ihrer Zugangsweise sehr schnell klar wird, dass jeder Österreicher, der momentan älter ist als 30, eigentlich gar kein Teil der Netzkultur im realen Leben sein kann, weil ihm oder ihr einfach das nötige Gedankenmuster des weitverbreiteten Internet mit all seinen Möglichkeiten fehlt. Dass man Musikstücke einfach neu mischen kann, dass Videos bearbeitbar sind, dass Text neu gestaltet werden können (sowohl in Form als auch in Inhalt), dass Websites nichts Starres, sondern in ewigem Fluss sind, das sind Erkenntnisse, die Menschen, die das Internet nur konsumatorisch wahrnehmen, erst machen müssen. Menschen allerdings, die an eigenen Websites bauen, die mit Podcasts Radiosendungen veröffentlichen, die über Flickr Fotos online stellen und andere Fotos kommentiern, die mit anderen gemeinsam an Onlineprojekten arbeiten, Menschen, die gemeinsam an Dingen im Internet arbeiten… für sie ist das Internet etwas Partizipatorisches.

Noch ein Hinweis: Heute um 14:05 Uhr in Von Tag zu Tag geht’s auf Ö1 weiter…

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