Gescheitertes Textdesign

Ich scheitere immer wieder daran auf ein Content Management System (CMS) umzusteigen, das mir den Komfort bietet, meine Seite nicht selbst gestalten zu müssen, sondern aus einem Pool bereits vorgefertigter Designs zu wählen. Dieses Scheitern erfolgte neulich erst wieder mit einer Kombination, die mir anfangs gefiel, doch schon bald an Attraktivität verlor: WordPress als CMS, K2 als Framework und Fork als Stylesheet und damit Designvorlage.

Die Frage: Was war das Problem?
Die Antwort: der Text.
Die Folgerung: das Design.

Die Form folgt aus der Funktion

Louis Sullivan hat einst in einem seiner Aufsätze zum Thema Architektur geschrieben:

Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.

Die Kernaussage dieses Zitats ist eine Aufforderung, die Gestaltung einer Sache bestmöglich an ihren Zweck, an ihre Funktion anzupassen. Wenn ich nach der Funktion meiner Website frage, dann liegt sie darin, Inhalte mittels Text an meine Leserschaft zu übermitteln. Die gewählte Form der Übermittlung – das Erscheinungsbild des Texts – sollte dementsprechend der Verwendung in dieser Funktion gerecht werden. Das Lesen der Seite sollte problemlos erfolgen können, der Leser sollte sich zum Beispiel nicht dem Bildschirm nähern müssen, um die Texte lesen zu können, er sollte in angenehmer und entspannter Haltung bleiben. Er sollte die Möglichkeit haben, den Text (und das gesamte Erscheinungsbild mit ihm) zu vergrößern oder verkleinern. Kurzum: Mein Design des Texts sollte der Leserschaft dienlich sein und nicht einem globalen Erscheinungsbild, das letztlich zwar ein nettes Bild abgibt, seiner Funktion aber nicht gerecht wird. Und genau in diese Frage nach dem Aussehen – und nicht der Funktion – fiel die Designvorlage „Fork“.

Der Text war zu klein, wirkte durch die im Blocksatz – eine tschicholdsche Sünde – auftretenden unregelmäßigen Abstände zerfetzt und war eher fürs Verfassen von Akzidenzen (Asides?) geeignet als für längere Artikel. Ebenso waren die Leerräume zwischen den einzelnen Artikeln, zwischen Überschrift und Haupttext, zwischen zwei Absätzen, zwischen Unterüberschrift und Haupttext und bei besonderen Auszeichnungen wie Zitaten und zitiertem Quellcode nicht harmonisch bzw fehlten komplett. Kurzum: Die Vorlage war nett anzusehen, nicht jedoch zu lesen. Globales Erscheinungsbild gut, Detail respektive Funktionserfüllung schlecht.

Ockhams Rasiermesser – oder – KISS

„Ockhams Rasiermesser“ bezeichnet das Sparsamkeitsprinzip in der Wissenschaft. Es besagt, dass von allen Theorien, die den gleichen Sachverhalt erklären, die einfachste auszuwählen ist – oder, ganz profan und aufs Design bezogen – KISS: „Keep it simple, stupid“, denn in der Kürze liegt die Würze. Verzicht auf Bilder, Grafiken und die Aufmerksamkeit des Lesers beanspruchende Elemente bei gleichzeitigem Versuch, das Aussehen anspruchsvoll zu gestalten: Von allen Designs, die der gleichen Funktion dienlich sind, ist das einfachste auszuwählen.

So markig das alles klingen mag, so sehr kann man dieses Wissenschaftsprinzip oder den Leitsatz KISS auch als Prinzip jeglichen Designs heranziehen, wenngleich barocke Künstler mir hier bestimmt widersprechen würden. Doch in Anbetracht meines Wunsches nach Lesbarkeit und Abstraktion, ist soetwas durchaus angemessen. Keinerlei störende Verzierungen, die den Lesefluss beeinträchtigen könnten, keinerlei Unterbrechungen optischer oder inhaltlicher Natur, keine Ablenkung jedweder Art. Je einfacher desto besser, desto sinnvoller und zweckmäßiger. Daher gilt für 3th vorläufig, ganz in profaner Ableitung des ockhamschen Prinzips: Von allen Designs, die meiner Seite als Schmuck dienen können, wähle ich das dezenteste und zielführendste aus.

Verkehrung des Designprozesses: Weg mit Photoshop!

Das größte Problem der meisten Designs liegt meiner Ansicht nach in einem Zugang vom Großen zum Kleinen. Die meisten Designer, so meine Annahme, arbeiten ihre Entwürfe in Photoshop aus, wo sie mit der falschen Arbeitsumgebung fürs Entwerfen eines passenden Erscheinungsbilds konfrontiert sind, denn Photoshop stellt alles immer im Zusammenhang, zumindest der Bildschirmproportionen, dar und erlaubt keine modulare Herangehensweise.

In den Arbeitsraum eines Fensters soll nun der Designer eine vollständige Seite (hinein-) entwerfen. Dieser Zugang ist nicht zweckmäßig und zielführend, denn einerseits kann der Entwickler sein Design in einem Photoshop-Arbeitsraum nicht mit variablen Bedingungen testen (unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Browsern stellen ein und denselben Text meist völlig anders dar), andererseits arbeitet er sich hier vom Gesamterscheinungsbild zum Detail hin; das widerspricht dem hier vorgeschlagenen Weg, vom Text ausgehend zum Gesamterscheinungsbild zu arbeiten.

Ein mehr geeignetes Entwicklungswerkzeug für den Webdesigner wäre eines, das es ihm ermöglicht, zuerst am Text zu arbeiten, ihn unter realen Bedingungen auf seine Lesbarkeit abzutesten und erst dann die nächste Stufe, das Erscheinungsbild des ganzen Artikels, dann mehrerer Artikel, schließlich der ganzen Seite auf eben diesen Text abzustimmen und damit ein leseoptimiertes Design zu erstellen. Nur so kann gutes Webdesign erfolgen.

Zusammengefasst

Ich habe wiedereinmal die Feststellung machen müssen, dass eine weitere Designvorlage ein Schmarr’n ist. Nicht, weil sie etwa schlecht geschrieben wäre, sondern, weil sie bestimmte Grundregeln für gute Typographie in ihrem Erscheinungsbild nicht berücksichtigt hat. Das lässt sich vermutlich zurückführen auf die häufig von Webdesignern verwendete Arbeitsweise, Designs in Photoshop zu erstellen. Doch diese ist abzulehnen, da man damit die Flexibilität eines Browsers und die Unterschiede verschiedener Browser nicht nachstellen bzw ausprobieren kann. Der Designprozess sollte vom wichtigsten Inhalt und der wichtigsten Form, dem Text, ausgehen und sich von da hin zum globalen Erscheinungsbild vorarbeiten. Dabei sollten zumindest die Grundregeln guter Typographie berücksichtigt werden.

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