Tacileka, Fiji

Bevor wir uns auf die Reise in den Südpazifik machten, gab es in Wien Seminare und Vorlesungen zu verschiedenen Themen der Länder, die wir bereisen würden. Auch war klar, dass eines der Kapitel auf unserer Reise der Besuch in einem „Eingeborenendorf“ auf Fiji werden würde. Menschen, die tote Tiere in Erdöfen zu Nahrung zubereiteten, Menschen, die in bereits gebrauchten Kleidern auf Lehmböden herumgingen, Menschen, die Wasser von der nahegelegenen Quelle holten, Menschen, die sobald sie eine Kamera sahen, sich unbedingt fotografieren lassen wollten; Menschen in großen Schlafzelten; kochende Frauen; jagende und erntende Männer – das waren die Eindrücke aus dem Video, das uns gezeigt wurde, bevor wir nach Tacileka – das „Eingeborenendorf“ – kamen.

Anreise

Wir verließen Suva mit dem Bus. Ein ganz schön großer Haufen Westeuropäer saß mit seinen Samsonite-Koffern, iPods und Digitalkameras in einem heruntergekommenen Bus und fuhr nach Tacileka, einem Ort, der nichts außer klein und unbedeutend war. Ich sah mich schon am Abend umringt von hunderten Kindern, Fotos machen, Lieder singen und so tun als ob ich mich mit Leuten unterhalten konnte, die keine der Sprachen sprechen, die ich mühevoll erlernt hatte. Gekochte niedere Tiere zu Mittag, Gewürm rund um meinen Schlafsack, kein Strom, ekelhafte Toiletten wenn überhaupt.

Der Bus verließ die asphaltierte Straße und bewegte sich nur mehr auf abgefahrenen Wegen mit Schlaglöchern so groß, dass man sie bereits komfortabel ausfahren konnte, weiter. Ich stellte mir vor, wie eine wenig auf Körperpflege bedachte Gruppe von Menschen mit einer Gitarre, die ein Fotograf, Volkszähler oder Wissenschaftler einst vergessen hatte, dastehen würde, um uns zu begrüßen; in dem Moment, in dem sich die Türen des Busses öffneten, würde sie lossingen und uns willkommen heißen. Knallbunte Kleidung und Fisch als Willkommens-Mahl. Alles natürlich begleitet oder nach einer vorgelagerten Cava-Session.

Wir fuhren über eine Behelfsbrücke und der Bus quälte sich eine vom Schlamm überlagerte, darunter aber sowieso nicht vorhandene Straße hoch. Häuser tauchten nur mehr selten links und rechts der Straße auf, Stromleitungen wichen Generatoren und die etwas später der Natur. Ich begann mich vorzubereiten auf das, was mich da erwarten würde, indem ich all die Befürchtungen und Vorurteile versuchte abzulegen. Warum sollten sie denn so 1950 sein? Es kann doch nicht sein, dass eine Gruppe von Menschen schlichtweg die Weiterentwicklung der restlichen Menschheit verschlafen hat!

Der Bus bog ab und den Weg, den er nun wählte, gab es eigentlich nicht. Hier war weniger Gras als gleich daneben, aber eine Straße konnte man das nicht nennen. Wir fuhren an einem Haus vorbei. Wir waren da!

Tacileka

Der Bus blieb mitten im Dorf stehen. Links und rechts der Straße gab es ein paar Hütten, ein aus weiß lackierten LKW-Reifen umzäuntes Stück Rasen bildete, samt Kirche, den Hauptplatz. Daraf stand, hab ich’s nicht vermutet!, eine Gruppe knallbunt gekleideter Menschen, die mit einer klapprigen Gitarre als Begleitinstrument ein Begrüßungslied sang. Unsere Koffer wurden von den „jungen Männern“ des Dorfes bereits ausgeladen und im Schatten abgestellt. Die Türen des Busses gingen auf und ein Kind nach dem anderen huschte vorbei, um die Weißen zu sehen. Unter dem Dach eines großen (Fest-?) Zeltes wurde bereits das Cava-Ritual vorbereitet.

Ein Bub, der sich mir angenähert hatte, fragte mich nach meinem Namen und ich nannte ihm die fidschianische Version: Michaeli. Das wird wie das englische Michael ausgesprochen, nur mit einem I hinten dran. Er grinnste mich an und lief davon. Wir wurden ins Zelt gebeten und ich sah mir – bewusst ein wenig weiter hinten sitzend – an, wie die ersten Reihen Cava schlürften. Man hatte für uns ein Buffet vorbereitet und es war wesentlich besser und zivilisierter als das, was ich erwartet habe. Ob’s davor oder danach war, dass wir den Familien zugeteilt wurden, weiß ich nicht mehr; was ich aber weiß, ist, dass Flo, Tini und ich Glück hatten. Wir wohnten praktisch am Graben von Tacileka (das ist, für Nichtösterreicher, die nobelste Adresse, auch wenn der „Graben“ in Zusammenhang mit Tacileka auch anders verstanden werden könnte) und ich hatte das doppelte Glück, ein Zimmer (!) für mich alleine (!!) mit direktem Blick aufs Meer (!!!) zu haben. Tacileka war nämlich, und das wurde mir erst in diesem Moment bewusst, in puncto Lage luxuriöser als jedes Luxushotel: Tacileka lag direkt am Strand (an der Nordostküste Fijis).

Ich setzte mich auf mein Bett, fühlte dass es hart war, sah das Moskitonetz und erfuhr nicht viel später, dass mein Zimmer ursprünglich ein Geschäft für Fischkonserven gewesen war. Na toll. Ich schlafe in einem ehemaligen Geschäft für Fischkonserven. Und während ich vor mich dahinsinierte und nicht wusste, was ich nun tun sollte, hörte ich, wie draußen mehrmals mein Name genannt wurde. „Michaeli, Michaeli“, dann von einer anderen Person: „Michaeli…“, und noch eine: „Michaeli“. Es freute mich, dass man mich kannte, bedenklich war allerdings eine Sache schon: Keine der Personen, die meinen Namen offensichtlich wussten, mit dem Haus und diesem Zimmer in Verbindung brachten und aussprachen, kannte ich! Was war da eigentlich los?

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