Inzest, Entführung, Autorität – typisch österreichische Fälle?

Der ORF hat Reaktionen internationaler Tageszeitungen auf den Inzestfall in Amstetten abgedruckt (Hinweis: Philomenon) und diesen Artikel mit der Frage „Typisch österreichische Fälle?“ betitelt. Unterüberschrift: „Der Inzestfall ist für einige Medien Anlass für eine Psychoanalyse der Österreicher“. Schnell wird auf internationaler Ebene generalisiert und psychologisiert, ist die Kritik des Artikels. Subtiler jedoch die tatsächlichen Botschaften:

Die slowenische Tageszeitung „Delo“ erkennt im Inzestfall in Österreich eine „reiche, selbstbewusste Gesellschaft“ mit „kranken Fantasien“, die im gleichen Atemzug den „Nachbarn (…) ein normales Antlitz“ zeigt. Dem Zürcher Tages-Anzeiger mangelt es in Niederösterreich an „Zivilgesellschaft und Eigenverantwortung“, was sich in der Hörigkeit gegenüber scheinbaren Autoritäten wie Lehrern, Priestern, Bürgermeistern und weiteren zeigt. Sehr treffend der Nachsatz „In so einer Gesellschaft frage man nicht nach. Wenn die Obrigkeit nicht eingreife, werde alles schon seine Ordnung haben.“ Auch „La Stampa“ aus Turin stellt richtig fest: „Serienmörder und Perversionen seien natürlich keine exklusiv österreichischen Phänomene: Doch nur dort verbinden sie sich mit Walzer, Jodeln und Kuckucksuhren. Nur dort kann Wahnsinn jahre-, jahrzehntelang mit derselben stillen, bürokratischen Ausdauer lodern, die das habsburgische Reich legendär gemacht hat.“ Und auch der britische Guardian fragt nach, wie „Hitlers erstes Opfer“ und die Rolle Österreichs im Holocaust mit Mozart und Bergen zusammenpasst; schließlich ermahnt man Österreich mit den Worten: „Ein ganzes Land sollte sich jetzt fragen, was da falsch läuft.“

Und es läuft einiges falsch in Österreich.