Opera oder Vista – das schrittweise Herangehen fehlt!

Opera hat heute seinen neuesten Browser, Opera 9.5, veröffentlicht. Es soll, wie immer, neue Features und Funktionen geben, die das Surfen schneller, angenehmer und sicherer machen, wir kennen das ja.

Doch irgendwie erinnert mich die Veröffentlichung von Opera 9.5 an Windows Vista. Im Prinzip ist jeder mit seinem Browser zufrieden (Safari funktioniert endlich ganz gut, Firefox ist praktisch ein Standard geworden und wer den Internet Explorer noch verwendet, dürfte sich auch nicht beklagen), und dann bringt Opera einen neuen Browser heraus… Unnötig, vor allem, da der Browser keine Funktionen mit Ausnahme des Mailmoduls „M2“ aufweist, die spezifisch dafür sprechen würden. Ähnlich war es damals bei Windows Vista: Alle waren mit Windows XP zufrieden, denn es hat nach etlichen Servicepacks und Upgrades gut funktioniert, die Benutzerprogramme bishin zur letzten und käsigsten Kassensoftware wurden an das neue System angepasst und dann plötzlich Microsofts Kniefall vor (spekulativen) Erwartungen: Windows Vista wird veröffentlicht – und keiner mag es.

Bei beiden frage ich mich: Wozu? Nötig ist die Veröffentlichung nicht, Bedarf gibt es nicht und den Benutzern ein weiteres Upgrade einzureden funktioniert auch nicht mehr. Also was war und ist da los? Meine Meinung? Der größte Fehler bei beiden ist die Fülle an Material, die man zum Einstieg serviert bekommt. Es gibt kein schrittweises Herantasten an den Kunden. Das macht unsympathisch.

Schritt für Schritt: Apples Strategie

Sehen wir uns doch einmal Apples Strategie an, Benutzer von Windows zum Umstieg zu bewegen. Wie funktioniert der klassische Einstieg in die Apple-Welt? Apple schafft eine Marke, die für bestimmte (Alters-) Gruppen interessant ist und prompt wünscht sich Töchterchen einen iPod. Der kostet nicht viel, also warum nicht, und als Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk ist er ideal. Das Ding funktioniert einwandfrei mit Windows, vorausgesetzt man lädt sich die beste Musikverwaltungssoftware herunter, die es momentan gibt: iTunes. Wer den iPod und iTunes verwendet, lernt Apple Produkte schön langsam kennen. Schritt für Schritt. Und es geht weiter. Ist der iPod einmal da, wollen alle mal probieren und irgendwann entdeckt der Rest der Familie, dass „die EDV“ problemlos und spielerisch funktionieren kann. Dem älteren Sohn gewährt man das MacBook (Microsoft Office gibt es ja auch für den Mac) und ab da ist es nicht mehr weit, bis die Familie, vom Papa und seinem iPhone nochmal überzeugt, auf Produkte von Apple umsteigt. Schritt für Schritt, langsam, mit einer immer höheren Dosis an Produktkosten – und das entspricht genau der Apple Produktpalette. (Interessant, dass selbst der Apple-Store in seiner Produktauswahl das Schema „Von klein nach groß“ visuell darstellt…) Man wird an die Apple-Produktwelt herangeführt und hat das Gefühl jederzeit aussteigen zu können. Bei Windows Vista oder Opera ist das allerdings anders. Doch zuvor noch ein kleiner Ausflug zum Mozilla-Projekt, das beide Strategien durchgemacht hat.

Zuerst als großes Ganzes, dann in Einzelteilen

Vielleicht kann sich die werte Leserschaft noch an die letzten Atemzüge von Netscape erinnern. Das Flaggschiff des Unternehmens war der Netscape Communicator, der nicht nur einen Webbrowser, sondern auch ein Mailprogramm, einen WYSIWYG-HTML-Editor und einen Newsreader enthielt. Die Downloads dieses Pakets hielten sich in Grenzen und die kurz zuvor gegründete Mozilla-Foundation erkannte schnell, dass man diesen Goliath so schnell als möglich wieder in seine Einzelteile zerlegen musste. Aus dem Netscape Communicator wurde in nur wenigen Jahren mit verschiedenen Namen das, was wir heute als Firefox, Thunderbird oder Camino kennen. Und meiner Meinung nach ist es nicht nur die Fülle an Funktionen, die diese drei Programme so beliebt gemacht haben. Man konnte jedes dieser Programme (alle mit einem guten Deinstallationsprogramm ausgestattet) ausprobieren, damit herumspielen und es wieder löschen oder eben nicht. Zusätzliche Funktionalitäten waren aufgrund des offenen Plug-In-Systems auch möglich, dem schrittweisen Annähern an das Idealprogramm stand nichts mehr im Wege. Heute wird Firefox von etwa 35% aller Internetbenutzer benutzt.

Windows Vista und Opera: alles oder nichts

Gegenbeispiel zum vorher Gesagten: Opera. Weiteres Gegenbeispiel: Windows Vista. Beide haben das gleiche Problem. Will man es ausprobieren, so scheitert man, denn das Konzept beider ist die volle Übernahme. Operas Browsermodul alleine gibt es nicht, man muss folgende Programme auf einmal (!) installieren: Browsermodul, Mailmodul, Download-Manager (BitTorrent), Chatprogramm und Newsreader. Erinnert ein wenig an Netscape Communicator, oder? Wie sieht es bei Windows Vista aus? Nicht viel anders! Wer Windows Vista halbwegs gut zum Laufen bringen will, wird sich höchstwahrscheinlich einen neuen Computer zulegen müssen, wird all seine Gizmo-Programme ändern müssen und ist mehr oder weniger stark gezwungen, die komplette Bürosoftware in neuen Versionen einzukaufen. Backwards-Kompatibilität ist vielleicht nicht gerade förderlich, wenn man mit einem neuen System endlich vom alten Kern weg will, doch manchmal nötig, um nicht alle zu verschrecken. Haben Sie den Umstieg von Windows 3.1 auf Windows 95 und danach auf XP als radikal empfunden? Ich persönlich nicht. Für mich hat das alles sehr abgestuft gewirkt. Alles, was auf Windows 3.1 funktioniert hat, ging noch irgendwie auf Windows 95 und die dafür programmierte Software hat auch ohne große Probleme auf Windows XP funktioniert. Und dann Windows Vista. Und alles war vorbei.

Stufig ist die Erfolgsleiter!

Opera und Windows Vista machen denselben Fehler: Beide wollen dem User alles auf einmal verkaufen, doch der User wünscht das nicht. Apple und das Mozilla-Projekt haben verstanden, dass man nachhaltigen Wechselwillen seitens der Benutzer mit kleinen Häppchen besser erreicht als mit großen Revolutionen. Ob diese Sicht der Dinge tatsächliche Marktstrategie der verschiedenen Unternehmen ist oder lediglich meine Einbildung, weiß ich nicht, ich mache diese Vorgehensweise aber dafür verantwortlich, dass ich Browser und Betriebssystem gewechselt habe. Und das auch gerne gemacht habe.

Denn es ist nicht nur die technische Leistung eines Produkts, das uns zum Kaufen und Benutzen dieses Produkts bewegt, sondern auch, wenn nicht viel mehr, die Aura, die Stimmung und die Sympathie, die das Produkt in uns und unseren Mitmenschen hervorruft.