11:29 Uhr

Um 11:09 Uhr betrat ich das Einkaufszentrum auf der Mariahilfer Straße, um dort mit einem erst kürzlich zum Vizerektor ernannten Kollegen ein schnelles Frühstück einzunehmen. Das Café IO ist das deutsche Pendant zur Segafredo-Kette: Der Kaffee ist in Ordnung, das Frühstück ist gut und günstig, sobald man ihn allerdings ausgetrunken und es verzehrt hat, geht man gerne schnell wieder.

Vor dem Einkaufszentrum stand ein Krankenwagen, dieser Tage ist das in Wien ganz normal. Was erwartet man sich? Gar nichts! Wohl wird ganz in der Nähe ein alter Mensch zur Untersuchung abgeholt, wahrscheinlich von drei neunzehnjährigen Zivildienern.

Ich betrete also das Einkaufszentrum und werde sogleich von einem Security-Guard angewiesen ins Café über einen Umweg zu gehen. Ich soll mit der Rolltreppe in den ersten Stock hochfahren, dort ans Ende gehen und anschließend mit einer anderen Rolltreppe wieder ins Erdgeschoss hinunterfahren. So käme ich da hin. Ins IO.

Ich versuchte einen Blick zu erheischen, was der Grund für diesen Umweg sei, denn ein ungutes Geräusch, leider kann ich es nicht besser beschreiben, verstörte mich schon die ganze Zeit über. Es klang wie das Kratzen zweier Hartplastikteile aneinander, wie das Bewegungsgeräusch eines alten Motors mit Seilübersetzung, die Mischung dieser Geräusche und sein so unangenehm schnelles und regelmäßiges Ertönen ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Auf der Rolltreppe am Weg nach oben sah ich, was los war: Ein alter Mann lag mit entblößtem Oberkörper am Boden. Um seine Brust war eine Maschine zur Herzmassage geschnallt. Sie gab in kurzen Abständen das Geräusch von sich. Von der Brust aufwärts wurde der Körper durch die Wucht des Zugs der Maschine hochgehoben und sofort wieder hinabgedrückt. Sein Kopf bewegte sich mit den Zügen der Maschine auf und abwärts wie bei einem Menschen, der gerade von einem Krampf geschüttelt wird. Der Mund des Mannes war halb offen, die Augen geschlossen.

Die Rolltreppe war zu Ende, ich blickte auf die Uhr. 11:10 Uhr. Ich war in diese unangenehme Situation geraten und sollte in wenigen Minuten den Vizerektor zum Frühstücken treffen. Ich konnte das Knarren und neuerdings auch das Piepsen der Maschine gut hören als ich die andere Rolltreppe betrat, um wieder ins Erdgeschoss zu gelangen.

Im Café, keine zehn Meter vom Unglücksort entfernt, herrschte scheinbar keinerlei Anspannung. Ich nahm beunruhigt Platz und konnte nicht anders als hinsehen.

Man hatte die Ungücksstelle mit Kleiderständern und den Tafeln, auf denen Wirte ihre Mittagsmenüs mit Kreide draufschreiben, vom Rest des Einkaufszentrums abgeschirmt. Durch meine Sitzposition im Café konnte ich jedoch ein bisschen etwas sehen. Den Blick abwenden, das ging beim besten Willen nicht. Ihn zwanghaft woandershin lenken ebensowenig. War ich nun ein Gaffer? Konnte man mich als Glotzer und als einen derjenigen, die nur blöd dastehen und schauen, statt etwas zu tun, beschimpfen?

Ich sah mich um und versuchte mich an den anderen Gästen zu orientieren. Hinter mir unterhielten sich zwei Frauen mittleren Alters über den Schulbeginn ihrer Kinder. Sie rauchten ekelerregend schlechte Zigaretten. Gleich daneben ein für mich indisch aussehender, dicker junger Mann; er blätterte im „Heute“. Vor mir unterhielt sich eine Frau für mich deutlich hörbar mit jemandem am Telefon; sie sprachen übers Ausmalen einer Wohnung. Es wurde 11:19 Uhr. Ich bestellte, völlig unvorbereitet mit der Frage der Kellnerin konfrontiert, einen Eistee. Mit viel Eis im Glas!

Der Vizerektor erschien im Eingangsbereich. Auch ihn wollte der Security-Guard über die Rolltreppen ins IO schicken, doch hatte der Vizerektor mich bereits erblickt und ich deutete ihm, wie er zu gehen hatte. Eine Minute später war er da.

Auch er sah sich an, was da geschah und auch er war von dem Geräusch und dem Fakt, dass zehn Meter neben diesem Kaffeehaus lebensrettende Maßnahmen durchgeführt wurden, schockiert. Im Gegensatz zu mir, jedoch, verbot er sich weiterhin andauernd hinzusehen. Er saß allerdings auch mit dem Rücken zum Geschehen. Das machte die Sache leichter.

Er erzählte mir, dass ihm schon Leute unter der Hand weggestorben seien, er berichtete darüber, wie er, abwechselnd mit einem Freund, einem Dritten drei Stunden lang Herzmassage gegeben hatte, weil der Helikopter so lange auf sich warten ließ. Er berichtete auch von einem Fall, bei dem er vier Stunden lang intubieren musste. Für mich waren das buchstäblich unglaubliche Fälle von Erster Hilfe, war doch mein bislang einziger Fall nennenswerter Erster Hilfe die Sache mit den Kaulquappen im Stiegenhaus gewesen!

Ich wurde nervös. Der Vizerektor versicherte mir, dass das alles da drüben nur mehr Show sei, denn würde man selbst die Zeit meiner Anwesenheit bei diesem Schauspiel hernehmen, das waren gerade 14 Minuten, wäre das schon sehr lange. Besonders in diesem Alter. Und dann redeten wir ein oder zwei Minuten das übliche Bla Bla: Wie schlimm es doch wäre, wenn der da drüben erst 30 oder 20 wäre. Wenigstens ein schneller Tod, und so weiter, und so fort. Dennoch: Das Gerät zur Herzmassage ließ auch dieses Gespräch schnell wieder zu einem Ende kommen, so ungut war dieses zu perfekt regelmäßig schnelle Geräusch. Der Vizerektor bestellte das Aktionsfrühstück.

Krch-pfft, krch-pfft, krch-pfft, krch-pfft, krch-pfft, krch-pfft. Es kam einem vor, als ob das Geräusch immer schneller wurde. Schlimm war vielleicht gar nicht das Geräusch selbst, sondern das Tempo. Es versetzte mich in eine innere Unruhe, die sich nicht legen wollte. Und dann plötzlich wurde es von einem Moment auf den anderen ruhig. Die Maschine piepte. Mal 3, Mal 5 Töne, danach ging es wieder los. Krch-pfft, krch-pfft, krch-pfft. Es wiederholte sich, es piepte und nocheinmal.

11:29 Uhr. Die Polizei erschien im Eingangsbereich und wurde zu dem Alten geführt. Ich konnte nicht hören, was gesagt wurde, aber einer der Beamten zückte ein Formular in der Größe eines Strafzettels aus seiner Jackentasche und notierte darauf etwas. Ich konnte nur das Gesicht eines der Beamten erkennen. Seine Mundwinkel zeigten nach unten. Das Rettungsteam und die Polizisten sprachen kurz über irgendetwas, dann wurde die Maschine angehalten. Der Körper des Alten sackte zu Boden, der Kopf lag überstreckt auf der Matte, die man unter ihm ausgebreitet hatte. Sein Mund war nachwievor halb offen. Die Augen geschlossen.

Einer der Polizisten sah auf die Uhr und notierte etwas auf seinem Strafzettelformular. Die Rettungsleute packten ihre Utensilien ein und hoben die Leiche des Alten auf eine Bahre. Die Bahre hatte Gurte, die sie dem Alten umlegten und festzogen. Ich sah noch immer zu und konnte es kaum fassen, dass ich hier im Café sitzend gerade den Tod eines Menschen keine zehn Meter weiter miterlebt habe.

Die Rettungsleute hoben die Bahre hoch und legten der Leiche ein Beatmungsgerät an. Das sei nur Show, versicherte mir der Vizerektor. Wenig motiviert bediente es einer der Rettungsleute. Sie beeilten sich, schnell in den Krankenwagen zu kommen. Sie packten ihr Zeug ins Auto, schlossen die Türen und fuhren ab. Ebenso wie die Polizisten.

Der Security-Guard half den Geschäftsleuten die Kleiderständer und der Kellnerin die Mittagsmenütafeln wegzuräumen. Man konnte nicht mehr erkennen, dass hier um 11:29 Uhr ein Mensch gestorben war. Der Vizerektor hatte sein Frühstück aufgegessen und bestellte einen Eistee. Die Eiswürfel in meinem Glas waren geschmolzen. Irgendwer hatte wieder die Unterhaltungsmusik des Einkaufshauses eingeschaltet.

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