Sonntagsarabesken #143

Wie bewegt sich die Erinnerung? Fließt sie in langsamen Bahnen bergab, ruhig und bedächtig aber zugleich drohend und tödlich wie ein Lavastrom? Oder bahnt sie sich ihren Weg von unten durch die sedimentierte Lebenskruste einer Existenz, deren Oberfläche sich zu keinem Zeitpunkt wirklich zu festigen vermag? Auf den Abschweifungen in das Spiegelkabinett der vergangenen Zeit begegnen wir beiden, den fließenden und den steigenden Erinnerungen, und lukrative Pflicht der Therapeuten ist es, uns davon zu befreien. So ist es möglich, dass man im selben Moment einem kurzen, aber heftigen Sommergewitter beiwohnt und doch zugleich in einem Hauseingang der Altstadt von Salamanca die Zeit verliert. Dass geplatzte Orangen in den Rinnstein rollen, sich beinahe schwebende Tanzschritte über die Viale Bruno Buozzi schlängeln und zwei grüne Augen in einer roten Wiener Winternacht den Himmel auf Erden versprechen. Dass eine Zugfahrt uns über die österreichische Grenze nach Norden trägt, während ein zweiter, nach Süden strebender Zug, uns das Zittern der Zeit auf dem Weg an den Golf von Neapel spüren läßt. All diese Augenblicke, Orte und Bewegungen existieren zugleich und neben- und miteinander. Ebenso wie die Gestalt der an einen Zaun gelehnten jungen Frau, die im Regen stehend auf etwas oder jemanden wartet, im Schatten der Gewitterwolken wie auch auf dem Papier der Bleistiftzeichnung oder in den Absätzen des niemals auf Papier gebrachten Textes. Wie die Wetterlage über Adria und Schwarzem Meer ist all dies sowohl in bestimmten Formen geschehen und festgehalten, als auch durch die Möglichkeit unendlich vieler Variationen und chromatischer Abweichungen für alle Ewigkeit in unsere gemeinsame Sprache und unsere gemeinsamen Vorstellungsbilder eingeschrieben. Die Vielfalt, der Reichtum des Erinnerns, des individuellen wie kollektiven Nicht-Vergessen-Könnens, kann nur als überwältigend, bedrohlich und potenziell lebensgefährlich schmerzhaft bezeichnet werden. Sie ist der Felsbrocken, den wir stetig und immer wieder hangaufwärts wälzen, das ist die Musik, die unser Leben begleitet. Das Vielfache der Träume sind die Wahrheiten, die sich nach dem Erleben in den Strudel der Bilder, Gerüche, Geräusche und Gefühle reihen. Als stumme Gäste der in dieser Welt zu verlebenden Zeit.

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