Wenn ein Krapfen aus der Krone fällt

Ich reise gerne. Und wenn mir jemand von seinem Urlaub erzählt (und das gut macht), dann verfolge ich gespannt mit, was diese Person im jeweiligen Urlaubsland gemacht, erlebt, wo sie gewohnt hat und wie sie mit den Menschen dort zurechtgekommen ist. Bislang waren diese Berichte, egal um welches Land es sich handelte, durchaus positiv konnotiert, selbst wenn es im Urlaubsland zu Problemen gekommen ist, und Probleme, das habe ich aus vielen Erzählungen gelernt, gibt es zweierlei: diejenigen, die ohne Zutun vorliegen, und diejenigen, die durch die eigene Person entstehen. Wenn die als 4-Sterne Suite beworbene Bleibe ein kakerlakenüberfülltes Kellerloch ist, dann ist das ein Problem ohne eigenes Zutun und so ein Problem gehört bereinigt und beseitigt. Wenn man allerdings bei den ortsansässigen Menschen auf Ablehnung stößt, nicht ernstgenommen, abfällig behandelt oder ignoriert wird, dann kann das schon auch an einem selbst und an der teils bewussten, teils unbewussten Art der Kommunikation mit der ansässigen Bevölkerung liegen. Vor allem in Regionen, in denen der Tourismus nicht alltäglich ist oder nicht die (wirtschaftliche) Bedeutung hat, die ihm beispielsweise in Österreich zukommt, oder aber in Regionen, in denen es keine traditionell verankerte Freundlichkeit gegenüber Fremden gibt oder diese Freundlichkeit anders interpretiert wird als Apfelstrudel und Lächeln, kann es zu Problemen kommen, die sich aus dem Unverständnis gegenüber der fremden Kultur ergeben. Niemand, der schon einmal länger in einer chinesischen Stadt war, wird dem mehr Bedeutung als gewöhnlich beimessen, wenn er auch am Zebrastreifen teilweise von Autos angestupst wird, niemand, der schon einmal mit den von pseudoreligiösen Predigern zu absolutem Ernst erzogenen Bewohnern eines Dorfs in Fidschi geplaudert hat, wird sich über deren Reaktionen auf Lustiges wundern, niemand, der verstanden hat, wie Indien funktioniert, wird sich darüber aufregen, dass er von einem Tourismusbüro über den Tisch gezogen und ausgenommen wurde, niemand, der die österreichische Seele entdeckt hat, wird es einem grantigen Kellner böse nehmen, wenn sein Lächeln aufgesetzter als ein Steirerhut mit Gamsbart wirkt, niemand, der sich mit der Kultur der USA auseinandergesetzt hat, wird sich über auswendig gelernte, gesellschaftlich anerkannten Floskeln oder über gespielte Freundlichkeit amüsieren; der Unterschied zwischen dem interessiert-verständnisvoll und dem ignorant-vorurteilsbeladenen Reisenden ist die Sichtweise dieser Dinge: Was für die ersteren eine mit Respekt beobachtete Befriedigung der Neugier ist, die zu neuen Erkenntnissen über die Kultur und die Menschen in diesem Land führt, ist für letztere eine mit unverständnisvollem Kopfschütteln über die Andersartigkeit der Kultur abgeurteilte Bestätigung des Vorurteils. Selbst schuld, wer zur zweiten Gruppe gehört!

Besonders interessant (und politisch) wird es, wenn eine Person beide Reisequalitäten aufweist, somit sowohl Neugier und Respekt als auch vorurteilsbeladene Ignoranz in sich trägt. Die Auswirkungen dieses Doppellebens können unterschiedlicher nicht sein. Für den einen ist Westeuropa die Erfüllung, der andere fühlt sich in Asien in einer überlegenen Position, der dritte wertet sich im Inland auf, indem er über das Ausland schimpft und wieder ein anderer definiert seine Hochkultur ausschließlich durch den Vergleich mit einem Entwicklungsland. Meinetwegen, sollen sie alle. Als problematisch sehe ich die Dinge nur an, wenn eine Negativmeinung nicht mehr begründet ist, sondern vorurteilsbeladene und xenophobe Züge unter der falschen Prämisse des Wissens annimmt, die auch vor der Kultur, den Leistungen und der Existenz der fremdländischen Zivilisation keinen Halt machen. Andererseits sagt so eine „Meinung“ auch sehr viel über ihren Vertreter aus. Stellen wir uns doch einfach vor, wie demütigend es sein muss, wenn wir ins Ausland kommen und nicht als Österreicher, sondern als Europäer bezeichnet werden! Und das mit Verwunderung, denn we didn’t know Australia was part of Europe! Ja, was glauben denn die!? So schnell kann’s gehen, als ob wir’s nicht kennen würden. Und schon ist uns ein Krapfen aus der Krone gefallen!