Jahresrückblick 2009

Das Jahr 2010 steht vor unseren Haustüren und erzwingt sich Einlass in unsere abgeschotteten Leben. Die Dinge haben sich normalisiert und sind in einen Alltag übergegangen, den wir erst annehmen und schätzen lernen müssen. Es gab Hochzeiten und es wird Geburten geben, die Ziele sind größtenteils gesteckt, der Idealismus längst vergangener Jugendlichkeit für immer verloren. Der Pragmatismus, das Arrangieren, Unauffälligkeit und das In-den-Chor-einstimmen sind zu Werten geworden, die wir nicht mehr verachten, sondern hochhalten und loben. Nicht nur wir selbst haben uns gewandelt, unsere Umwelt ist eine andere geworden. Einiges gut, vieles schlecht. Hier ein paar Momente.

Das Jahr 2009 hat aus vielen Freunden Geschäftspartner gemacht. Die Herzlichkeit, die gegenseitige Anerkennung, der gegenseitige Respekt vor der geleisteten Arbeit ist verloren gegangen. Ich habe einigen Bekannten, die direkt gegen meinen Beratungsziele gehandelt haben, trotzdem geholfen und das im Nachhinein bereut. Man rechtfertigt sich solche Situationen bekanntlich mit der lahmen Ausrede, daraus gelernt zu haben. In gewisser Weise stimmt das, denn ich werde solchen, die es anders nicht kapieren wollen, Hinweise nur noch verkaufen. Gut fühle ich mich dabei nicht, doch kommt Geld ins Spiel, scheinen Leistungen plötzlich tatsächlich wertvoll zu sein. Der Preis, nicht die eigene Urteilskraft (!), ist das entscheidende Kriterium für die Wahl und für ihre nachträgliche Rechtfertigung. Und das in allen Belangen. Daher ist es für die meisten auch ein Problem, wenn Dritte ihre Motivation erkennen und daraus Handlungen ableiten. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, sagte Thomas Hobbes schon vor ein paar hundert Jahren, und nun, 2009 hat sich nicht viel daran geändert. Das ist unangenehm, darüber will man nicht sprechen, denn hier wird die eigene Seele ans Tageslicht befördert und man muss feststellen, sie ist weitaus schwärzer als man es sich selbst eingestanden hat. Da kommt selbst den Göttern das große Kotzen:

Die Rolle des braven und naiven Mädchens, das wohlbehütet im Elternhaus den vorbestimmten Geschicken entgegensieht, wandelt sich unter diesen Umständen zu einem weniger schmeichelhaften Bild einer frustrierten, partnerlosen und mutterfixierten Frau, die ihre Naivität und ihren Körper niedrigschwellig zu ihrem Vorteil einsetzt, woraus sich ein sehr bitterer Beigeschmack ergibt, der als Heiligsprechung der Mittel verstanden wird. Man könnte das Schlauheit nennen, und das tut sie auch, aber die Verlogenheit, mit der sie sich selbst täuscht, ist ein Teufel; wer sich selbst anlügt, hat aber in der Hölle keinen Platz mehr.

Eine andere Persönlichkeit stellt ihr gesamtes Handeln in Relation zu einer abstrakten, von der (moralischen und natürlichen) Obrigkeit vorgegebenen Handlungsmaxime. Der rote Faden ist straff gespannt und befindet sich sehr häufig außerhalb des Sichthorizonts, damit aber alles in die richtigen (!) Bahnen gelenkt wird, genügt ein Telefonanruf und die Entscheidung wird revidiert. Auch so kann man kastriert werden. Arme Sau!

Unter den schlechten Vorbildern gibt es allerdings eines, das den Gipfel des Übels nicht mehr nur lebt, sondern zu seiner eigenen Existenz gemacht hat. Ein Kollege, dem es gelungen ist, seit drei Jahren einen Negativrekord nach dem anderen aufzustellen. Die Person, die es geschafft hat, mich aus dem Beweggrund der Überzeugung von ihr abzuwenden. Wer A sagt, B denkt, C handelt und es mit D rechtfertigt, ist kein Held, kein Pragmatiker, kein Ehrenmann, kein schlauer Fuchs, kein windiger Hund, kein Diplomat, kein Politiker, kein raffinierter Denker und kein Stratege. So jemand ist, wenn er diese Art des Handelns zur Routine macht, ein Idiot, der sich selbst am Sterbebett noch einreden wird unsterblich zu sein.

In großen Teilen geht es hier um Bekanntschaften, um Menschen, um die ich mich, wenn auch abstrakt, hier auf meinem Blog und teilweise weit von ihrem Verständnisgrad entfernt, kümmere. Die positiven Beispiele, die ich für das Jahr 2009 anführen will, sind die Menschen, um die man sich nicht kümmern muss. Diejenigen, denen der Sprung in die Verlässlichkeit gelingt. Ein Freund hat vor mehreren Jahren einmal gesagt, dass es nicht die Toleranz sei, die gegenseitiges Verständnis ausmache, sondern der gegenseitige Respekt. Analog hierzu postuliere ich, dass es die Verlässlichkeit und das Vertrauen in eine Person sind, die Freundschaft und Sympathie erzeugen, nicht aber der Zwang, sich auf die eine oder andere Weise um jemanden kümmern zu müssen. Und zum Glück gibt es auch einige Leute, denen ich auch heute noch vertrauen kann. Das sind diejenigen, die mich nicht mit Brettspieleinladungen anöden und mit Buchdiskussionsabenden langweilen. Danke an dieser Stelle!

Freundschaft und Freundschaften, das waren 2009 große Themen, da ich mitansehen musste, wie die Bienen massenweise im Honigtopf der Marke Facebook ertrunken sind. Irgendwann sind die Gehirne der Leute weichgeklopft, irgendwann glauben sie den Müll, den man ihnen hinter dem blauen Login vorsetzt tatsächlich auch. Bis dahin ist es die Pflicht eines jeden sie einem Therapieversuch zu unterziehen. Egal wie, Philosophieren, Datenschutzpanik, Alkohol, völlig egal, Hauptsache, sie erkennen wie wertlos alles ist, was sie bei Facebook tun. Und ja, es ist mir egal, ob das jemandem gefällt oder nicht. Die Substanzlosigkeit, mit der über die Form der Kommunikation diskutiert wird, schlägt sich ganz arg auf die Erkenntnis des Nichtvorhandenseins von Inhalten.

Weil wir gerade bei Facebook als Pars pro Toto für soziale Netzwerke sind: Diese ganze Sache war mir von Anfang an unheimlich. Mein erstes Blog war mit Blogger erstellt und das war vor vielen, vielen Jahren, als soziale Netzwerke lediglich ohne Strom funktionierten. Was mich an Blogger gestört hat, war die Verwaltung meiner Daten durch den Anbieter. Mir wurde zwar Sicherheit versprochen, meine Daten konnte ich aber nur über Umwege exportieren. Ich habe seitdem primär auf selbstgehosteten Systemen gearbeitet, denn da habe ich Herrschaftsgewalt über mein Zeug. Und dann kommen soziale Netzwerke daher, die nicht nur die Auswüchse meiner Gedanken (kein Mensch denkt auf Facebook, man beschreibt nur!) und meine direkt und indirekt kommunizierten persönlichen Daten und Umstände abspeichern, sondern mir auch gar keine Möglichkeit geben, sie irgendwie da raus zu holen. Die Idee schien mir immer so, wie wenn ich mit intimsten Informationen vollgeschriebene Papierblätter an einen unbekannten Adressaten senden würde, mir voll der Tatsache bewusst, dass diese Person daraus ein Profil erstellt und mich dadurch immer besser und genauer kategorisieren und für seine Zwecke nutzen kann. Nein, soziale Netzwerke mögen zwar ihre Vorteile haben, aber ihre Nachteile stehen in keiner Relation dazu!

Und damit sind wir auch schon beim hochpolitischen Thema Datenschutz und Privatsphäre, beides Gebiete der Politik, die unter dem Jubelgeschrei der Öffentlichkeit mit Füßen getreten werden. Begehrt man dagegen auf, wird man entweder als linkslinker Linksfaschist abgestempelt oder mit der nie zu Ende überlegten Formel „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ konfrontiert. Außer immerzu über die andauernden und stets zunehmenden Einschränkungen zu lamentieren, geht bei den meisten Gesprächen ohnehin nichts weiter. In meinen Augen ist die gesellschaftliche Entpolitisierung dieses Themas mit dem gleichen Attribut versehen, mit dem auch viele andere Probleme unserer Gegenwart den Konnex zu den Menschen verlieren: Globale Zusammenhänge und enorme Abstraktion. Es ist eben nicht gut, gegen Atomkraftwerke zu demonstrieren, wenn man für die Umwelt zu sein vorgibt, aber das kapieren die wenigsten. Der Abstraktionsgrad und der damit verbundene Frust haben ein Niveau erreicht, das Colin Crouch als den Wandel unseres politischen Systems zur Postdemokratie beschreibt, einer Situation, in der die Bürger die Illusion politischer Mitbestimmung verloren haben, von Politik gelangweilt sind und sich aufgrund der Komplexität der Probleme nicht mehr in der Lage sehen, sowohl eine informierte Position einzunehmen oder intelligente Kommentare abzugeben als auch überhaupt zu wissen, auf welche „Seite“ sie eigentlich sind. Und wer sich jetzt schon während des Lesens dieser Zeilen fragt, ob sie oder er auf der Seite der Datenschützer oder auf der Seite des individuellen Sicherheitsbedürfnisses steht und dabei zwei sich voneinander abstoßende Pole ausmacht, der weiß, dass er keinen intelligenten Kommentar wird abgeben können, weil die Sachlage um so vieles komplizierter ist, als die Kontrastierung von Schwarz und Weiß. Doch zurück jetzt in unseren Alltag, schließlich ist Silvester!

Daten sollen nicht nur geschützt, sondern auch physikalisch mehrfach gesichert sein. Am 5. Januar habe ich dazu meine Optimallösung präsentiert, eine Kombination aus Apples Time Machine und einem Online-Backupservice. Anfangs war das Jungle Disk, später ist daraus Backblaze geworden. Nach wie vor bin ich mit Backblaze sehr zufrieden (wenn auch Jungle Disk seine Produktpalette enorm verbessert hat), die USD 50,– für ein Jahr lang Datensicherheit sind jeden Cent wert. Das Ding funktioniert einwandfrei auf Windows- und Mac-Rechnern und seit kurzer Zeit gibt es das System auch für Unternehmen. Dieser Absatz ist in keinster Weise gesponert, sondern aus Überzeugung geschrieben, sowas muss man mittlerweile ja explizit dazuschreiben.

Am 11. Mai habe ich etwas in Wien entdeckt, das ich nach bebenden Nächten in Wiener Pizzerias nicht für möglich gehalten hätte: Pizza Mari‘ serviert die besten Pizzen in ganz Österreich. Auch hier: Überzeugung. Auch hier: Punkt. (Leider ist die Homepage der Pizzeria eine Katastrophe!) Meine Suche nach gutem Curry ist noch im Gange, bislang sticht nur das schmuddelige „Bombay“ in der Neubaugasse 75 hervor. Dort schmecken die Curry-Gerichte denen, die ich in Indien gegessen habe, am ähnlichsten. Homepage hat das Bombay keine. (Auch das: ganz schlecht!)

Ganz schlecht war übrigens auch mein Aufenthalt in der Therme Linsberg Asia. Dieses pseudoasiatische Getue, schief hängende Bilder und Überfüllung in den Ruheräumen, Zen und Ohm neben der Raucherzone – das hätte ich mir ersparen und stattdessen gleich nach Bad Gleichenberg (Thumbs up!) fahren können; dort wird wenigstens gehalten, was die Website verspricht!

Wie auch letztes Jahr, gab es auch heuer wieder Videos, die etwas über dem normalen YouTube-Wahnsinn gestanden sind. Paul Potts und diese andere da sind inszeniertes Getue und aus der Bestenliste gestrichen, meine drei Top-Videos aus dem Jahr 2009 sind:

  1. Jon Rawlinsons faszinierende Aufnahme im Aquarium Kuroshio Sea in Japan.
  2. Die bemerkenswerte Koordinationsleistung der Tänzerinnen und Tänzer in einem Ausschnitt aus dem Film „Amelia“ der Dance-Company La La La Human Steps.
  3. Die letzten Momente des Hunds „Oden“, kommentiert und erzählt von seinem Besitzer Jason Woods.

Im Kino war ich dieses Jahr nur ganz selten. Ich kann den Unterschied zu einem Heimsystem nicht mehr erkennen, außer dass es im Kino schmutzige Sitze, ungewaschene Menschen und telefonierende Idioten gibt. Dennoch, Avatar war ein Film, den ich mir im Kino angesehen habe, weil er – zwar nur durch seine Form (3D!) und weniger durch den Inhalt, aber immerhin! – auffiel. Die anderen Filme, die ich gesehen habe, vor allem solche, die ich mir mit dem werten Arabeskenschreiber zu Gemüte geführt habe, liste ich jetzt nicht auf; die Erklärungsnot, in die ich mich begeben würde, wäre zu groß: Wenn Eisenbahnen am oberen Rand der Leinwand herumfahren und Rauchwaren und Pilze praktisch die Hauptrolle spielen, dann ist das doch etwas anders…

Form und Inhalt sind auch zwei Aspekte, die sich auf meiner Website ein wenig geändert haben. Einerseits habe ich meinen Frieden mit Asides geschlossen, andererseits habe ich die Anzahl der „normalen“ Artikel etwas gesenkt, dafür aber, so meine ich, qualitativ verbessert, indem ich Themen, die mich nur am Rande interessieren, gar nicht mehr aufnehme. Die Asides habe ich aus dem Newsfeed entfernt, sie stellen mehr die willkommene Abwechslung beim direkten Besuch der Website dar, alle anderen Kategorien werden nach wie vor per Newsfeed ausgeliefert.

Im Jahr 2009 habe ich wieder etwa eineinhalbtausend Bilder bei Flickr hochgeladen. Der Paris-Urlaub im Jänner, der Urlaub in Indien im Februar und März, ein spätnächtlicher Ausflug mit zwei Kollegen im April, Fernandos Firmungsfeier im Mai, Oxanas Hochzeit im Juni, der seelige Aufenthalt in der Therme Bad Gleichenberg im Juli, die Deutschland-Schweiz-Frankreich-Spanien-Frankreich-Monaco-Italien-Tour im August und September, eine Geschäftsreise nach Sofia und Albena im Oktober, die Katastrophe Linsberg Asia im November und ein bisschen Friends-and-Family-only-Zeug im Dezember. Die größte Änderung an meiner Kamera war der Erwerb – und seitdem auch die exklusive Nutzung – eines neuen Objektivs: Ein Sigma AF 30mm-Objektiv ist seit etwa August für alle Aufnahmen verantwortlich, die ich mit meiner Kamera gemacht habe. Jetzt, wo ich mehrere Jahre mit meiner Canon EOS 350D fotografiert, mir die Eigenheiten der Kamera zunutze gemacht und den Spott so mancher Kollegen über diesen „Plastikbomber“ angehört habe, lache ich über die miesen Ergebnisse, die sie mit ihren Canon EOS 5D MARK II-Kameras fabrizieren, auf denen Objektive mit bildgestalterischen Möglichkeiten montiert sind, in deren Nähe diese Herrschaften nie gelangen werden. Was ich schon seit Jahren predige, ist eine Wahrheit: It’s not the tools.

Große Themen, Geburt und Tod, gab es 2009 nur wenige. Zwei Tode habe ich miterlebt, einer davon in der nahen Familie, Geburten noch keine, die Racker sind aber auf dem Weg, das Jahr 2010 zu ihrem Geburtsjahr zu machen. Eigentlich ein schöner „Ausgleich“: ein Tod, zwei Geburten, das gibt Hoffnung für die Zukunft und stellt die Banalität unseres Lebens dem Wunder unserer Existenz entgegen. Was für ein Abschluss!

Ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern einen bekömmlichen Jahresausklang 2009 und einen sanften Start ins neue Jahr! Denjenigen, die den morgigen Vormittag direkt oder indirekt dem Neujahrskonzert widmen – viel Spaß dabei! Diejenigen, die am morgigen Vormittag ihren Rausch ausschlafen – selbst Schuld! Diejenigen, die durchschlafen und morgen frisch aufwachen – das ist die richtige Einstellung, denn nur der Krach, den man selber macht, zählt! Prosit Neujahr und alles Gute!

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