Bangkok Sightseeing um 10 Baht?

In der Nähe des Palasts wurden wir von einem findigen Verkäufer angesprochen, der uns eine Tuktuk-Fahrt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Bangkoks, darunter auch die 30 Meter hohe Buddha-Statue, fahren und dafür nur 10 Baht verlangen würde. Was nicht nur im Lonely Planet als Touristenfalle („Scam“) angeführt wird, ist eigentlich auch mit dem Hausverstand als solche zu erkennen: Eine gewöhnliche Fahrt mit dem Tuktuk in Bangkok kostet nur in den seltensten Fällen weniger als 50 Baht, insofern musste hier etwas faul an der Sache sein. Dennoch drängte Magdalena darauf, die weiteren Sehenswürdigkeiten nicht zu Fuß, sondern in diesem Tuktuk zu besichtigen. Ich willigte – von der Lust am Scheitern und der Neugier auf den Ausgang der Sache getrieben – ein.

Die Fahrt mit dem Tuktuk war unspektakulär, in meinen Augen gänzlich nicht die im Vorhinein ausgemachte Route. Sowohl mein GPS-Gerät als auch die Vergleichskarte wiesen frappante Diskrepanzen zwischen angepriesener Route und tatsächlich gefahrener Strecke auf. Interessant war auch, dass keine der in der Route angepriesenen Sehenswürdigkeiten sowohl im Lonely Planet als auch in Magdalenas Reiseführer Erwähnung fanden.

Die Sache lief so ab: Zuerst fuhren wir zu der 30 Meter hohen Buddhastatue, die nur wenig spektakulär war. Dort verließ uns der Tuktuk-Fahrer, um auf die Toilette zu gehen, woraufhin ein anderer, völlig zufällig gerade dort sitzender Mann mit uns ins Gespräch kam. Nachdem abgeklärt war, dass er natürlich Freunde in Wien und in anderen österreichischen und deutschen Städten hatte (glaub das noch irgendwer?), fragte er uns nach unseren Plänen für die Weiterreise aus. Und tatsächlich, er hatte einige Informationen zu all den Orten, die wir nannten. Ob wir nun nach Norden, Süden, Osten oder Westen wollten, irgendwas war immer auf der Strecken los. Nach Norden und Süden würde zu unserem geplanten Reisezeitpunkt alle Bewohner Bangkoks fahren, weil da irgendwelche Ferien wären, nach Osten hatte man mit kambodschanischen Wanderarbeitern zu tun und um in den Westen zu kommen, hätte man ohnehin schon vor einem halben Jahr buchen müsen. Fazit des Gesprächs: Wir sollten sofort und ohne Unterlass eines der vielen Reisebüros aufsuchen, denn wenn, dann konnte man uns nur dort mit Restplätzen helfen. Gegen Ende des Gesprächs rief der Mann seine Schwester oder sonst irgendwen an und wie durch Zufall kam nur wenige Minuten später der Tuktuk-Fahrer vom Klo zurück.

Voll motiviert fuhr er los und brachte uns alsbald in ein TAT-Office, also ein angeblich staatlich geprüftes Reisebüro. Die Provisionsregelung für Tuktuk-Fahrer war ganz einfach: Sobald die dummen Touristen mindestens 8 Minuten lang im Büro waren, würde er die Spritkosten für die Fahrt bezahlt bekommen. In diesem Reisebüro waren wir keine 30 Sekunden lang drinnen: Wir machten den schmierigen Typen in dem verrauchten Drecksloch sofort klar, dass wir gegen unseren Willen und ohne jegliches Interesse an irgendeiner Leistung des Reisebüros hergebracht wurden. Die Antwort der Typen darauf war ein „Dann verpisst euch von hier!“.

Der Tuktuk-Fahrer ging damit in den Fallback-Modus und jammerte uns vor, dass ihn diese Tour ach so viel Geld kosten würde. Er bat uns, nein, er bettelte uns an, im nächsten Reisebüro zumindest für zehn Minuten Interesse vorzutäuschen, damit sich die Fahrt für ihn lohne. Von mitleidigem Gönnertum bewegt, erklärten wir uns einverstanden. Zweimal ums Eck gefahren, fuhren wir bei einem anderen Reisebüro vor. Davor: sehr viele Tuktuks. Darin: sehr viele Touristen. Aus einem Tuktuk, das gerade den weiträumigen Parkbereich verließ, deuteten uns zwei Burschen die Touristenfalle da drinnen an. Wir nickten wissend.

Magdalenas Idee, die 10-Baht-Fahrt zu machen, war mittlerweile nicht mehr nur ein zu belächelnder Irrtum einer blauäugigen und unerfahrenen Touristin geworden, sondern hatte bereits einige Stunden unserer ohnhin kurz anberaumten Route durch Bangkok gestohlen. Deshalb dachte ich mir, dass es nur fair wäre, wenn sie das Interesse im Reisebüro vortäuschen und das Verkaufsgespräch drehen und wenden würde; ich selbst würde nur schweigend daneben sitzen. Sie war es gewesen, die meine Zweifel an der Sache und den eindeutigen und im Lonely Planet Thailand detailliert beschriebenen Hinweis auf diese Gaunerei ignoriert hatte. Dort stand auf Seite 109 (in der 13. Ausgabe) explizit geschrieben:

Say goodbye to your day’s itinerary if you climb aboard this ubiquitous [Túk-túk rides for 10B -] scam. These alleged ‘tours’ bypass all sights and instead cruise to all the fly-by-night gem and tailor shops that pay commissions.

Klar, dass ich das das peinliche Gestottere im Reisebüro in einen endlosen, kräfteraubenden Dialog überführen musste, der den hiesigen (deutsch sprechenden) Reisevermittler nicht nur den letzten Nerv, sondern auch Muskelmasse kostete, da ich mir aber auch jeden seiner Vorschläge auf Karten zeigen und die Hotels mit Bildern beweisen ließ.

Nach etwa zwanzig Minuten verließen wir dieses ebenso verrauchte Reisebüro und ließen einen verzweifelten Travel-Agent zurück, der sich doch so persönlich darum bemüht hat, uns 300 Euro für eine Reise abzunehmen, die 300 Baht kostete. Der Fahrer hingegen wirkte zufrieden, schließlich hatte er die Sache mit den zwei Problemtouristen wieder in Ordnung bringen können und seine Provision kassiert.

Der vorletzte Stopp auf unserem Tuktuk-Scam war ein Kloster-Tempel-Komplex, der auf einem mit Gräbern durchsetzen Hügel errichtet wurde. Diese war vielleicht die einzige Sehenswürdigkeit, die es wert gewesen wäre, die Tour zu machen. Man hatte von diesem Hügel aus einen guten Blick über die Stadt und er schien, im Gegensatz zu den anderen Orten, an die uns diese Scam-Route geführt hatte, tatsächlich auch von Touristen besucht zu sein, die zu Fuß unterwegs waren. Der Fahrer setzte uns vor dem Eingang ab und deutete uns, wie schon zuvor, wo er auf uns warten würde.

Wir besichtigten den verhältnismäßig großen Komplex und freuten uns schon auf die Rückkunft in Palastnähe, wo Magdalena den Königspalast besichtigen und ich einen Kaffee trinken konnte. Als wir am mit dem Tuktuk-Fahrer vereinbarten Ort ankamen, war dieser – eh klar! – nicht da. Sofort bot uns ein anderer Fahrer an, uns die Strecke zu Ende zu führen, natürlich auch wieder um 10 Baht. Magdalena fragte nach, ob er einen Schneider oder ein Reisebüro aufsuchen würde und er meinte, dass sich der Preis ums 10-fache erhöhen würde, wenn er dies nicht täte.

Am Ende des Tages versuchte Magdalena ihre Entscheidung zu rechtfertigen und stellte die folgende Bilanz auf: Wir hatten drei oder vier völlig irrelevante Sights gesehen, gut eine Stunde im Tuktuk und eine halbe Stunde in irgendwelchen Reisebüros verbracht. Wir haben von Bangkok nicht viel außer Verkehr und Gaunereien gesehen. Unser Tuktuk-Fahrer war verschwunden als wir irgendwo in der Stadt waren, weshalb wir zum regulären Preis von knappen 70 Baht an unseren Ausgangspunkt gelangten. Wir konnten, weil es schon zu spät war, als wir da ankamen, den Palast nicht mehr besichtigen und haben, weil die Tuktuk-Aktion insgesamt so lange gedauert hat, einen halben Tag unserer auf wenige Tage begrenzten Zeit in Bangkok verloren. Aber – und das muss man sich bei einem Wechselkurs von 1 EUR = 40 Baht auf der Zunge zergehen lassen – wir haben uns, weil der Tuktuk-Fahrer ja davongefahren ist, 10 Baht erspart.

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