Also kein Berufsheer…

Na gut, dann halt Wehrpflicht, will heißen: Stellungs- und Einrückungstermin, danach „Wie mache ich mein Bett?“. Anschließend putzen, putzen, Mittagessen, putzen, Sport, schlafen. Tagwache. Putzen, pissen, putzen, Sport, duschen, Frühstück, Waffe. Auseinandernehmen, zusammenbauen, auseinandernehmen, putzen, zusammenbauen. Nochmal im Dunkeln. Nochmal mit Gasmaske. Was, Rekrut hat den Gummiaufsatz für das Ventil vergessen? Spindkontrolle! Bettenkontrolle. Duschen geputzt? Toiletten geputzt? Hier und da wird ein Hemdknopf abgerissen. Wieder angenäht. Falsche Nahtfarbe? Knopf ab. Danach Sport. Dann Bettenruhe und Pornos, die irgendwer aus der Videothek geholt hat. 10 zum Preis von einem! Bundesheer-Rabatt. Irgendwer raucht im Zimmer.

Tagwache. Putzen, Frühstück, putzen, Waffe, Spindkontrolle, putzen, Mittagessen, Sport, Waffe, Spind, Wochenende. Außer für mich. Ich habe einmal dem Spieß beim Vorbeigehen nicht salutiert. Ich bin für den Samson-Chargendienst eingetragen. Das ist der Dienst, der mit Freisam und Sonmon gleichwertig gesehen wird, nur vergisst man halt gerne, dass im Gegensatz zum Freisam und Sonmon beim Samson das ganze Wochenende draufgeht. Aber was soll’s. Nach dem dritten Samson stehe ich mit einem Plastikhelm vorm Hauptmann, mache Männchen und beschwere mich. Er hat sich beschwert! Typisch Wiener. Ab sofort Normalbehandlung, keine Schikane mehr.

Gasmaskendichteprüfung. Nicht, wie vorgeschrieben, in einem dafür vorgesehenen Raum in der Kaserne, sondern in irgendeinem alten Bunker. Bei Dunkelheit. Mit Gasmaske, im Bunker, mit KAZ-III: Liegestütz. Austausch des Filter mit dem Nachbarn. Mir läuft die Nase, ich ziehe auf – brennender Schmerz in Nase, Augen und Lunge. Endlich ist der Filter wieder drauf. Mir ist schlecht. Durchhalten! Endlich fertig. Gasmaske ab. Irgendwer riecht an seinem Regenschutz: brennender Schmerz in Nase, Augen und Lunge.

Tagwache. Aufstehen, Frühstück, Marsch. Mist, es schneit schon wieder. Nasse Füße, weil die Schuhe nicht dicht sind. Nasse Beine, weil die Hosen nicht wasserfest sind. Verkühlung. Knapp am Fieber vorbei: diensttauglich. Irgendwer hat die Nadel in seinem Flickset vergessen. Er muss jetzt einen fußballgroßen Stein zur Strafe mit in den Rucksack packen. Platzpatronen in die Waffe. Halt, wer da? Feind! Schuss. Der Idiot drückt ab und feuert eine Salve raus – sein Lauf 20 Zentimeter neben meinem Gesicht. Ich habe Ohrensausen im linken Ohr. Arzt? Diensttauglich!

Es ist Sommer: Grenze. Gegenüber meiner Wachhütte ist ein Misthaufen. Die Bereitschaft verschlafe ich, die Schlafenszeit schlafe ich, die Wache absolviere ich in einem schläfrigen Zustand. 2 Monate meiner Zeit verrinnen einfach so. Es gab ein Dreierrad: 12 Stunden Dienst, 6 Stunden Schlafen, 6 Stunden Bereitschaft. Tag 1 fertig. 6 Stunden Dienst, 12 Stunden Bereitschaft, 6 Stunden Schlafen. Tag 2 fertig. 6 Stunden Bereitschaft, 12 Stunden Dienst, 6 Stunden Schlafen. Tag 3 fertig. Dann 24 Stunden frei. Wer nicht nach 23 Stunden und 45 Minuten wieder da war, verlor automatisch die 24 Stunden Freizeit beim nächsten Mal. Irgendein Trottel hat nie seinen Bus erwischt. Er war selten zuhause. Ein anderer hat vergessen die scharfe Munition aus dem Gewehr zu holen. Salve in den Entladekasten. War auch selten daheim.

Die Freundin ist genervt. Das soziale Leben geht gegen Null. Die Untauglichen beginnen mittlerweile ihr zweites Unisemester und haben die ersten großen Prüfungen hinter sich gebracht. Selbst? Ich muss fahren, die 24 Stunden sind gleich um.

Um 5 Uhr in der Früh: Illegale! Alarm! Volle Bewaffnung, im Geländewagen eine dreckige, verschreckte, heulende, junge Frau, vielleicht 25 Jahre alt, die kein Deutsch spricht. Und ihr Sohn, 6, vielleicht 7 Jahre alt. Wir bringen sie in ein Auffanglager. Dort werden die beiden von der Polizei übernommen. Mit Latexhandschuhen. Arme Schweine.

Zwei Wochen später: Allentsteig. Panzerfahren, schießen, abhören, Kaffee kochen. Alarm! 15 Minuten laufen. Dann wieder 6 Stunden nichts. Fast über einen perfekt getarnten Rekruten gestolpert. Pass doch auf! Wiener? Ja. Welches Gymnasium? Maroltingergasse. Scheiße hier, oder? Ja. Nächste Mission: Gebäude bewachen. Das geht 3 Tage lang gut, dann wird eine Demonstration simuliert. Und ein Einbruch. Ich erschieße den Einbrecher. Verwarnung. Zuerst anhalten, dann schießen, Rekrut! Danach sterbe ich im Feuerhagel. Weil die Sanitäter aber noch nix zu tun hatten, bin ich plötzlich nur schwer verletzt, werde verbunden und abtransportiert. Im Kugelhagel müssen die beiden die Pritsche mehrmals fallenlassen. Ich hab Kreuzschmerzen, mein Kopf tut weh.

Wir bewachen einen Panzer.
Wir fahren in der Parade. Der Fahrer pinkelt währenddessen in eine Punica-Flasche.
Wir bewachen die Kaserne.
Wir patrouillieren um die Kaserne.

Das Laufen in der Früh und der Sport am Nachmittag – beides nur noch vorhanden, solange man sich im Sichtfeld der Kaserne aufhält. Wir lungern auf Spielplätzen herum oder rauchen auf Parkbänken. 20 Minuten später, retour in die Kaserne, Langeweile.

Neue Lage: Noch 3 Tage. Die Vorgesetzten verabschieden sich und erklären, dass wir der beste Zug aller Zeiten waren. Neue Lage: Noch 2 Tage. Grundputz, Kampfgewand retour, Waffe retour, Zahlen all der Dinge, die man während der Zeit verloren hat oder die kaputtgegangen sind. Irgendwo scheint mir mein Messer abhanden gekommen zu sein. Keiner zahlt nichts. Neue Lage: Letzter Tag. Habt Acht! Und tschüss.

Endlich zuhause. Ich habe die Leute, die ich während meiner Heereszeit kennengelernt habe, nie mehr wieder gesehen. Doch einmal: Einer ist Parksheriff geworden.

Wo niemand klickt