Zum Befürchten kommt es gar nicht mehr

Thomas Assheuer hat das Gefühl, beim Internetsurfen beobachtet zu werden, zum Thema gemacht und räumt dabei mit vielen Plattitüden das Problem negierender Rechtfertigungsrhetorik auf. Seine Argumentation ist solide, stringent, plastisch, faktenreich und bedient sich der Konstruktion eines „persönlichen Datenzwillings“.

Dieser „persönliche“ Datenzwilling hat für den Originalmenschen etwas zutiefst Unheimliches, und zwar nicht nur deshalb, weil man ihn nicht sieht, sondern weil er zugleich aus Eigenem wie auch aus Fremdem besteht. Sein „Datenkörper“ verdankt sich der lebendigen Ausgangsperson und ihren Suchbewegungen; doch sein „Charakter“ und seine „Seele“ werden von der Internetindustrie definiert – von fremden Blicken, fremden Interessen, fremden Profilern.

Die Verbindung des realen mit dem digitalen Zwilling ist enger als man es sich vorstellen möchte. So eng, intensiv beidseitig und gleichzeitig, dass das Argument, nichts befürchten zu müssen, weil man ja nichts zu verbergen habe, seinen Angriffspunkt verfehlt. Es ist ja nichts da, das befürchtet werden könnte, wenn es bereits in Selbstzensur untergegangen ist.

Kann man sich vornehmen, einen Gedanken erst gar nicht zu denken – oder hat man ihn dann bereits gedacht? Die Perfidie der Überwachung besteht ja gerade darin, dass sich die Beobachter nicht identifizieren lassen; man weiß von ihnen nur, dass man nichts von ihnen weiß. Sie müssen gar nicht drohen und fuchteln, es reicht, wenn sie Ungewissheit erzeugen. […] Das reicht schon. Es könnte sein, dass man beobachtet wird – schon dieser Gedanke ist eine Nötigung, er macht unfrei und zwingt den Internetbenutzer dazu, sich in daueralarmierter Wachsamkeit mit dem Auge des Beobachters zu beobachten. Was weiß er, was ich nicht weiß? Bin ich verdächtig? Bin ich schuldig?

Ein guter Artikel mit interessanten Querverweisen, der zeit.de wiedereinmal als eines der führenden Onlinemagazine im deutschsprachigen Raum definiert. Ein Horrorbeitrag eines bedrohten Berufsstands zur Lage unserer freien und demokratischen Gesellschaft am Ende des Jahres 2013.

Wo niemand klickt